Konflikte zwischen Schiiten und Sunniten Der Irak rutscht in Richtung Bürgerkrieg

Sunniten gegen Schiiten, 300 Tote in einer Woche. Der Irak driftet in Richtung Bürgerkrieg. Der schiitische Regierungschef Maliki schiebt die Schuld auf den Konflikt in Syrien. Doch das ist eine Ausrede. Ein Gegengewicht zu Maliki fehlt. Der kurdische Staatspräsident Talabani liegt im Krankenhaus. Dessen sunnitischer Stellvertreter ist auf der Flucht.

Von Tomas Avenarius. Kairo

Die Liste ist lang und blutig: 55 Tote beim "Massaker von Howaidscha", als das Militär das Feuer auf demonstrierende Sunniten eröffnet. Schüsse auf regierungstreue "Sahwa"-Kämpfer in Ramadi, fünf Tote. Drei Zivilisten kommen bei der Explosion einer Autobombe um. Die jüngste Gewaltserie erinnert an die schlimmsten Zeiten im Irak. In nur einer Woche sind fast 300 Menschen umgekommen, durch Bomben, Selbstmordanschläge, Schüsse des Militärs. Die Arabische Liga warnt vor "einer absehbaren Katastrophe für den Irak und die gesamte Region".

Der UN-Chef für den Irak, Martin Kobler, ruft zu Besonnenheit auf. Regierungschef Nuri al-Maliki, ein Mann der eisernen Faust, droht aber mit härtestem Vorgehen: Wer sich an der Bildung von Milizen beteilige, werde zur Rechenschaft gezogen. Rutscht der Irak kaum eineinhalb Jahre nach dem Abzug der USA in den Bürgerkrieg ab? Trägt der Kampf der Opposition gegen das Assad-Regime in Syrien bei zur Konfrontation zwischen den Religionsgruppen der Sunniten und Schiiten? Und: Werden die auf Unabhängigkeit bedachten Kurden das drohende Chaos nutzen, um sich vom Irak loszusagen und mit den ebenfalls auf einen Staat hoffenden Kurden in Syrien gemeinsame Sache machen?

Die Risiken steigen im Irak. Regierungschef Maliki macht dafür den Konflikt im Nachbarland verantwortlich: Auslöser der Gewalt seien die Ereignisse "an einem anderen Ort in dieser Region", ein Verweis auf Syrien. Das ist ebenso richtig, wie es Ausrede ist. Der Bürgerkrieg zwischen dem säkular-schiitischen Assad-Regime und der sunnitischen, zunehmend islamistisch geprägten Anti-Assad-Opposition wirkt sich natürlich im Irak aus. Irakische Sunniten ziehen in den Dschihad, vergessene Untergrundorganisationen werden wiederbelebt, al-Qaida im Irak verkündet die Kooperation mit der syrischen Dschihadi-Miliz Dschabat al-Nusra, prahlt mit einem "syrisch-irakischen Emirat".

Zur Erklärung der Gewalt reicht dies nicht aus: Alle zentralen Konflikte zwischen der Schiiten-Regierung in Bagdad und den seit dem Saddam-Sturz rebellischen Sunniten sind Folge der Verzögerungspolitik Malikis. Der Premier zeigt wenig Bereitschaft, die mit dem Fall Saddams entmachteten Sunniten zu integrieren: Versöhnung findet sich nicht auf seiner Prioritätenliste. Die Sunniten wiederum lassen sich "von Untergrund-Gruppen und Extremisten vereinnahmen", wie Diplomaten monieren. Dem von den Sunniten beklagten "Massaker von Howaidscha" etwa war sunnitische Gewalt vorausgegangen. Unbekannte hatten auf Soldaten geschossen, bevor sie im Zeltlager der gegen die Maliki-Regierung demonstrierenden Glaubensbrüder untertauchten.

Staatspräsident Talabani liegt nach Schlaganfall in Berlin

All das trifft den Irak in einer ohnehin instabilen Lage. Ein Gegengewicht zu Maliki fehlt: Staatspräsident Dschalal Talabani liegt in Berlin im Krankenhaus, Schlaganfall. Der Kurde hatte immer wieder vermittelt. Zusätzlich geschwächt ist das Präsidentenamt, weil der sunnitische Talabani-Stellvertreter Tarik al-Hashemi in die Türkei geflohen ist. Maliki ließ gegen ihn ermitteln, wegen angeblicher Verwicklung in Terrorakte.

Nach der Parlamentswahl 2010 hatte Maliki sich mit der säkular-sunnitischen Irakija-Bewegung auf die Bildung einer Koalition mit Beteiligung der Sunniten geeinigt. Das Übereinkommen wurde nie ganz umgesetzt, umstrittene Ministerien verwaltet der schiitische Premier. Das für den Wirtschaftsaufbau zentrale Öl-Gesetz liegt auf Eis - der weltweit drittgrößte Erdölproduzent hat nicht geregelt, zu welchen Konditionen ausländische Konzerne Rohstoffe fördern dürfen und wie die Gewinne verteilt werden zwischen Bagdad und den Provinzen. Hinzu kommen ungelöste Fragen zwischen Bagdad und den Kurden. Die Grenzen zwischen der Autonomieregion und dem Zentralirak sind unklar, der Status der Stadt Kirkuk bleibt umstritten.

Die Kurden haben ihre drei Nord-Provinzen längst zusammengeschlossen: Faktisch ist das Kurdengebiet eine selbständige Einheit mit Präsidenten, Regierung, Budget, Truppen. Zwar kehren die kurdischen Minister nun zurück ins Maliki-Kabinett - eine Geste des guten Willens. Dafür rufen inzwischen aber auch die Sunniten nach einer Großregion: "In den Provinzen Ninive und al-Anbar sind die Menschen gespalten, doch die Fehler der Maliki-Politik werden alle dazu bringen, die Idee einer eigenständigen West-Region zu akzeptieren", warnt Ex-Finanzminister Rafai al-Essawi.