Konflikt Syrien-Türkei Eskalation zwischen einstigen Männerfreunden

Nach den Gefechten im Grenzgebiet und Toten auf beiden Seiten verabschiedet das türkische Parlament ein Gesetz, das eine Militärintervention ermöglicht: Die Angst vor einem Krieg zwischen Syrien und der Türkei wächst. Wie die Situation eskalieren konnte, wie die Regierung in Ankara vom syrischen Machthaber Assad abrückte und warum der Konflikt auch mit der türkischen Innenpolitik zu tun hat.

Fragen und Antworten von Thomas Kirchner

Die Lage im türkisch-syrischen Grenzgebiet ist angespannt: Seit am Mittwochnachmittag eine Granate aus Syrien fünf Menschen im Grenzort Akçakale tötete, droht die Situation zu eskalieren. Ankara hat seinerseits zurückgeschlagen und die Nato zu Hilfe gerufen. Ein mögliches Kriegsszenario bereitet nicht nur der internationalen Gemeinschaft Sorgen - auch in der Türkei wächst die Unruhe. Wie die BBC meldet, hat sich Syrien mittlerweile für den Tod der fünf Zivilisten entschuldigt. Unter dem Twitter-Hashtag #savaşahayır ("kein Krieg") laufen bereits seit Mittwochabend minütlich mehrere Dutzend Nachrichten ein.

Wie sich die Situation verschärfte, welches Verhältnis Syrien und die Türkei haben und wie die Nato reagiert: Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.

Was genau ist passiert?

Eine von mindestens drei Granaten aus Syrien schlug am Mittwochnachmittag in einem Haus im türkischen Grenzort Akçakale ein. Nach türkischen Angaben starben fünf Menschen, unter ihnen eine Mutter und ihre drei Kinder. Wer die Granate aus welchem Grund abfeuerte, ist nicht bekannt, türkische Sicherheitskreise vermuten aber, dass es syrische Regierungstruppen waren.

Die Türkei schlug zurück - noch am Mittwochabend und erneut am Donnerstagmorgen beschoss sie Ziele in Syrien. Dabei kamen offenbar mehrere syrische Soldaten ums Leben. Und Ankara geht noch weiter: Das türkische Parlament verabschiedete am Donnerstag auf einer außerordentlichen Sitzung einen Gesetzentwurf, der eine Intervention in Syrien möglich machen soll.

Der Text soll in ein bereits bestehendes Gesetz aufgenommen werden, das "Operationen außerhalb der türkischen Grenzen" erlaubt. Ein solches Gesetz autorisiert beispielsweise Militäraktionen der türkischen Armee im Nordirak bei der Jagd auf kurdische Extremisten. Außerdem hat die Türkei die Nato alarmiert und den UN-Sicherheitsrat eingeschaltet. Allerdings betont Ankara, dass es keinen Krieg mit Syrien wolle.

Warum reagiert die Türkei so heftig?

Der Granatenbeschuss ist nicht der erste, aber der bisher gravierendste Grenzvorfall zwischen den beiden Ländern seit Ausbruch des Bürgerkriegs in Syrien. Im April feuerten syrische Kräfte auf ein Flüchtlingslager auf türkischem Gebiet, zwei Flüchtlinge starben. Im Juni schoss die syrische Armee einen türkischen Kampfjet ab, der kurzzeitig in den syrischen Luftraum geflogen war; die beiden Piloten kamen ums Leben. Danach verkündete der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan, sein Land werde auf solche Grenzverletzungen künftig härter reagieren.

Seither ist die türkische Armee in erhöhter Alarmbereitschaft. In den vergangenen Tagen sind die Kämpfe nahe der Grenze immer heftiger geworden. Allein auf Akçakale flogen im Oktober bislang bereits sechs Granaten, die Schulen in der Region mussten geschlossen werden, die Menschen dort leben in Angst vor den nächsten Treffern.

Welche Beziehungen hat die Türkei zu Syrien?

Die Beziehungen zwischen den beiden Staaten waren gut - bis zum Ausbruch des Bürgerkriegs. Zwischen Erdogan und dem syrischen Staatschef Baschar al-Assad war über die Jahre sogar eine Art Männerfreundschaft entstanden. Nach Jahrzehnten der Zurückhaltung sieht sich die wirtschaftlich immer stärker werdende Türkei inzwischen als wichtige vermittelnde Kraft im Nahen Osten, sie erhebt einen Führungsanspruch. Die neue Devise lautet: "Null Probleme mit allen Nachbarn." Ankara lag deshalb sehr an einem stabilen Verhältnis zu Damaskus.

Erdogan musste aber schnell einsehen, dass sich ein Szenario wie in Libyen oder Ägypten in Syrien nicht wiederholen und dass Assad alle Demokratisierungsversuche abblocken würde. Seither ist der türkische Premier zum schärfsten internationalen Widersacher Assads geworden, sein Land engagiert sich wie kein anderes in dem Konflikt. Erdogan holte den Syrischen Nationalrat, die wichtigste Oppositionsplattform, nach Istanbul; er gab der Freien Syrischen Armee ein Rückzugsgebiet. Auch nahm die Türkei bisher fast 100.000 Flüchtlinge auf.