Von Henrik Bork

Die Tibeter nutzen die anstehenden Olympischen Spiele in China, um auf die Situation ihres Landes aufmerksam zu machen. Doch auch Peking betreibt eine Politisierung der Spiele.

Es war ein Fehler, die Olympischen Spiele an China zu vergeben. Die Toten nach dem Militäreinsatz in Tibet lassen keinen anderen Schluss zu. Denn wer mag sich noch auf diese Spiele freuen, während in Lhasa Jagd auf Mönche gemacht wird?

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Mit einem riesigen Logo vor Peking weist China auf die anstehenden Olympischen Spiele hin. (© Foto: AP)

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Wer mag sich noch guten Gewissens in Peking in ein Stadion setzen, während auf dem Dach der Welt die Gefängnisse überquellen? Es ist einfach zu viel, was die chinesische Regierung der Weltöffentlichkeit schon im Vorfeld der Spiele zumutet. Hoffentlich ist dieses traurige Spektakel bald vorbei, bleibt als einziger Gedanke übrig; und hoffentlich sterben bis dahin nicht noch mehr unschuldige Menschen.

Peking wirft dem Dalai Lama vor, die Unruhen in Tibet geschürt zu haben. Das ist falsch und plump. Noch angesichts niedergeknüppelter Mönche in Lhasa hat der Friedensnobelpreisträger beide Seiten zur Gewaltlosigkeit ermahnt.

Richtig ist allerdings, dass Exil-Tibeter und Unabhängigkeitsbefürworter in Tibet die Zeit vor den Olympischen Spielen nutzen möchten, um auf die Unterdrückung ihres von Peking besetzten Landes aufmerksam zu machen. Das mag man als Politisierung der Olympischen Spiele bedauern. Es gibt der kommunistischen Führung Chinas aber nicht das Recht, mit Waffengewalt gegen friedlich demonstrierende Menschen vorzugehen.

Pekings Propaganda

Auch sitzt Peking mit diesem Vorwurf im Glashaus. Es hantiert selbst mit der Politisierung dieser Spiele. Ein Beispiel ist die unsensible Entscheidung, den olympischen Fackellauf auch durch Tibet zu schicken.

Besonders die Ankündigung, das Feuer auf den Gipfel des Mount Everest zu tragen, hat viele Tibeter erbost. Peking will hier seinen Herrschaftsanspruch über Tibet mit Hilfe der fünf Ringe untermauern. Das ist billig und unnötig provokativ.

Anstatt den potentiellen Unruheherd Tibet zu meiden, wollen die Strategen aus Peking dort auch noch Propaganda-Siege feiern, indem sie ein olympisches Ritual ausnutzen. Das Ergebnis ist eine neue Variante olympischen Feuers: brennende Polizeiautos und Militärlastwagen auf den Straßen Lhasas.

Was nun? Wie soll der Rest der Welt auf die Brutalität Pekings, auf dessen anhaltende Sabotage der olympischen Idee reagieren? Einen Olympia-Boykott, wie ihn der US-Schauspieler Richard Gere unter dem Eindruck des Blutvergießens in Tibet zur Diskussion stellt, will niemand wirklich.

Das wäre nicht nur all den Sportlern gegenüber unfair, die sich hart auf ihre Wettkämpfe in Peking vorbereitet haben und von einer Medaille träumen. Ein Boykott würde auch den endgültigen Verzicht auf das bedeuten, was diese Olympischen Spiele möglicherweise noch an Gutem bewirken können.

Medien blicken auf China

Es mag wie ein bitterer Trost klingen, während in Tibet noch um die Toten getrauert wird: Immerhin aber beginnt die Weltöffentlichkeit nun dank dieser Pekinger Sommerspiele zu begreifen, was für ein Regime da in Peking wirklich herrscht.

Nur wegen Olympia rückt das Unrecht in Tibet nun wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit. China hätte eigentlich wissen müssen, dass die internationalen Medien vor dem 8. August, dem Tag der Eröffnung der Spiele, viel genauer als sonst auf China blicken.

Was Journalisten aus aller Welt beobachten, ist etwas ganz anderes als das, was China gerne zeigen würde: Seht her, wir sitzen fest im Sattel, von der Mongolei bis zum Mount Everest, wir haben wirtschaftlichen Erfolg, wir bauen Prachtbauten und Autobahnen, und alle himmeln uns an, Pekinger Massaker hin oder her! So oder ähnlich lautet die olympische Botschaft der Partei.

Was aber sieht die Welt? Sie sieht verunsicherte Kommunisten, die sich vor harmlosen Dissidenten wie Hu Jia fürchten, dem in dieser Woche der Prozess gemacht werden soll. Sie sieht beeindruckenden wirtschaftlichen Aufschwung, der aber in gewohnter sozialistischer Manier mit einer rücksichtslosen Zerstörung der Umwelt erkauft wird, von der mongolischen Steppe bis zum tibetischen Hochland.

Sie sieht, dass diese kommunistische Partei seit den Massakern von 1989, als erst in Tibet auf Mönche und dann in Peking auf Studenten geschossen wurde, nichts dazugelernt hat.

Zynische Realitätsverweigerung

Wenn nun einigen Menschen im Westen die Augen geöffnet werden, was China betrifft, dann ist das ein Anfang. Denn der Tanz um das Goldene Kalb, der gerade stattfindet, ist geschmacklos. Der Westen hat aus eigenem wirtschaftlichen Interesse begonnen, nur noch die positiven Seiten des chinesischen Reformmarsches wahrzunehmen.

Das boomende Schanghai, die neuen Glitzerstadien in Peking sind in aller Munde. Die Ausbeutung von Wanderarbeitern, die Verhaftung von Katholiken oder die Unterdrückung von Uighuren und Tibetern hingegen werden oft wie Schönheitsfehler verharmlost.

Diese zynische Realitätsverweigerung wird nun glücklicherweise im Olympia-Jahr unhaltbar. Eine Regierung, deren Herrschaft sich auf Gewalt gegen das eigene Volk stützt, so viel lehrt nicht zuletzt die deutsche Geschichte, ist langfristig auch für ihre Nachbarn und den Rest der Welt eine Gefahr.

Das tragische Blutvergießen in Tibet, wenige Monate vor den Olympischen Spielen, zwingt zu einer kühlen Neubewertung Chinas. Aus Fehlern wird man klug.

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(SZ vom 17.3.2008/gal)