Konflikt in Nahost Olmerts angeblicher Sieg ist eine Niederlage

Verwüstung in Gaza, mehr Unsicherheit in Israel - nach der Offensive steht es schlechter als zuvor.

Ein Kommentar von Thorsten Schmitz

Seit Wochen ist die halbe Welt damit beschäftigt, den Gaza-Krieg durch eine anhaltende Waffenruhe zu ersetzen. Keine Mühen, keine Reisen werden gescheut, um Israel und die radikal-islamische Hamas davon zu überzeugen, dass Raketen weder Frieden noch Freiheit bringen.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon hat sein Büro in New York verlassen, Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy den Elysee-Palast, sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel am Wahlsonntag Berlin, um die brüchige Waffenruhe abzusichern und den Wiederaufbau des Gaza-Streifens zu koordinieren. Doch Herrscherin über Krieg und Ruhe bleibt die Hamas. Eine Woche lang will auch sie nun die Waffen schweigen lassen, aber wenn sich Israel bis dahin nicht aus dem Gaza-Staub gemacht hat, wieder Kassams abfeuern.

Was eigentlich hat Israels Vergeltungsoffensive, was hat der Gaza-Krieg gebracht - außer mehr als 1300 Tote, mehr als 5300 Verletzte und eine relativ unergiebige Krisendiplomatie? Israels Regierungschef Ehud Olmert verkündet, das Ziel der Offensive sei erreicht worden. Doch bislang ist er eine Erklärung schuldig geblieben, was das Ziel des Kriegs gegen Hamas überhaupt gewesen ist. Nur vage hat er davon gesprochen, man wolle die Sicherheitssituation im Süden Israels ändern. Aber allein in den vergangenen drei Wochen haben Hamas-Terroristen mehr als 700 Raketen auf Israel abgefeuert. So redet sich Olmert kurz vor Ende seiner Amtszeit seinen zweiten Krieg schön - wie er es bereits beim Libanonkrieg getan hat.

Hamas mag zerstritten sein und mehrere hundert Kämpfer verloren haben, doch die Mehrheit der 1,5 Millionen Menschen im Gaza-Streifen sieht Israel als den Schuldigen an Verwüstung und Zerstörung. Der angebliche Sieg Israels, von dem Olmert spricht, ist in Wahrheit eine Niederlage.

Machtlosigkeit der Staatengemeinschaft

Die Offensive hat Hass und Wut gesät und Israel Unsicherheit gebracht. Anstatt sich darauf zu beschränken, die Tunnel zwischen Ägypten und Gaza zu bombardieren und dadurch die Versorgung der Hamas mit Waffen und Munition zu stoppen, hat Israel den Gaza-Streifen flächendeckend mit einem Krieg überzogen, der auch ein Krieg gegen die Zivilbevölkerung war.

Israels Offensive führt auch die Machtlosigkeit der internationalen Staatengemeinschaft vor Augen. Sie besitzt keine einheitliche Strategie im Nahost-Konflikt, reagiert immer nur dann, wenn es längst brennt, und verfügt noch nicht einmal über den Einfluss, Ägypten zur wirksamen Kontrolle seiner Grenze zu zwingen.

Wenn das Ergebnis des Gaza-Kriegs nur die vage formulierte Vereinbarung zwischen Israel und den USA über die Grenzkontrolle im Süden des Gaza-Streifens und eine internationale Konferenz ist, welche die Tunnelwirtschaft beenden und zum Wiederaufbau beitragen soll, zeigte das zweierlei: Um die Beziehungen zwischen Jerusalem und Kairo ist es trotz Friedensvertrags nicht gut bestellt. Und der Gaza-Krieg war überflüssig.