Konflikt in der Ostukraine Die Sprache der Macht

Unterdrückt die Ukraine das Russische? Wollen Ostukrainer nur noch russisch reden? Alles Propaganda - Umfragen widerlegen das Bild vom erbitterten Sprachenkonflikt in der ehemaligen Sowjetrepublik.

Gastbeitrag von Gerd Hentschel

Gibt es in der Ukraine einen Sprachenkonflikt? Die russischen Separatisten im Osten des Landes verteidigen ihre Kultur und ihre Sprache gegen eine Zentrale in Kiew, die das Russische bekämpft, heißt es in Moskau. Der Streit um die Sprachen scheint offensichtlich, wenn man sich an die handgreiflichen Auseinandersetzungen erinnert, die im ukrainischen Parlament im Mai 2012 ausgetragen wurden. Vehement protestierte die damalige Opposition gegen das Vorhaben von Präsident Janukowitsch, ein neues Sprachengesetz zu verabschieden, das den Status des Russischen gestärkt hätte. Die Wurzeln dieser Auseinandersetzung reichen in die Spätphase der Sowjetunion zurück.

Wie in anderen Sowjetrepubliken forderte damals auch in der Ukraine eine national gesinnte Oppositionsbewegung die Aufwertung der "Nationalsprache". Ein 1989 verabschiedetes Sprachengesetz trug dem Rechnung. Es erklärte das Ukrainische zur einzigen Staatssprache, das bis dahin politisch und sozial dominante Russische dagegen erhielt den niedrigeren Status einer Verkehrssprache zwischen den Nationalitäten. Dies blieb auch nach der Unabhängigkeit der Ukraine 1991 so. Das Russische behielt jedoch seine starke Stellung in privaten Medien, der Geschäftswelt und der Populärkultur. In öffentlichen Institutionen und staatlichen Bildungseinrichtungen dagegen wurde eine proukrainische Sprachenpolitik betrieben, mit wechselnder Intensität und, abhängig vom Areal, in unterschiedlichem Tempo - im Süden und Osten sehr langsam.

Dennoch wurde der Kampf gegen die "Zwangsukrainisierung" und "Unterdrückung der Russischsprachigen" zu einer politischen Karte der im überwiegend russischsprachigen Osten und Süden starken "Partei der Regionen". Sie war treibende Kraft hinter dem neuen Sprachengesetz, das im Mai 2012 im Parlament die Emotionen hochkochen ließ und im August desselben Jahres in Kraft trat. Es gestattet die Einführung einer Sprache als Regionalsprache, wenn diese von mindestens 10 Prozent der Einwohner eines Gebiets als Muttersprache genannt wird. In der Praxis profitierte davon bisher vor allem das Russische. Erneuten Auftrieb erhielt die These von der Diskriminierung des Russischen, als das Parlament im Zuge des Euromaidan beschloss, das Sprachengesetz wieder aufzuheben. Dieser Beschluss trat jedoch nicht in Kraft.

Jüngste Umfragedaten zeugen von keiner Stimmung gegen das Russische in der Bevölkerung: In einer Erhebung des renommierten Kiewer Internationalen Instituts für Soziologie (KIIS) von Mitte April im Süden (ohne die Krim) und Osten der Ukraine zeigt sich folgendes Bild: Fast drei Viertel der Befragten konnten keine Verletzung der Rechte Russischsprachiger in der Ukraine erkennen. Selbst in den beiden umkämpften Regionen Luhansk und Donezk, Hochburgen der russischsprachigen Orientierung, vertrat eine deutliche Mehrheit diesen Standpunkt.

Alle Umfragen widerlegen das Bild vom erbitterten Sprachenkonflikt

Auch Daten, die in den Jahren unmittelbar vor der Ukrainekrise gewonnen wurden, widersprechen der Annahme, die ukrainische Bevölkerung sei durch einen erbitterten Sprachenkonflikt gespalten. Erhebungen eines deutsch-österreichisch-schweizerischen Verbundprojekts zeigen Folgendes: Eine überwältigende Mehrheit der Befragten vertritt die Meinung, dass ein ukrainischer Staatsbürger beide Sprachen beherrschen sollte. Ukrainischkenntnisse werden von fast 100 Prozent aller Befragten - Ukrainern wie Russen - als wichtig erachtet. Entgegen stereotypen Vorstellungen von einer allgemein "antirussischen" Stimmung in der Ukraine meinen aber umgekehrt auch drei Viertel der Ukrainer, man solle das Russische beherrschen. Selbst im Westen des Landes sieht das ungefähr die Hälfte der Befragten so.

Ein etwas anderes Bild ergibt sich, wenn die Bevölkerung mit der Frage nach dem rechtlichen Status des Russischen konfrontiert wird. Bürger mit russischer Identität äußern sich unabhängig vom Areal eindeutig: Das Russische sollte ihrer Meinung nach in der Ukraine zweite Staatssprache sein, dem Ukrainischen also rechtlich völlig gleichgestellt sein. Bei den Bürgern, die sich als Ukrainer identifizieren, ergeben sich Unterschiede von Region zu Region. Nicht nur im Westen, sondern auch im Norden und im Zentrum wird eine rechtliche Gleichstellung des Russischen mit dem Ukrainischen als Staatssprache überwiegend abgelehnt, und zwar recht einheitlich von etwa drei Vierteln der Befragten. Im Süden und Osten dagegen überwiegt die Zustimmung.

Wie erklärt sich diese Diskrepanz zwischen der allgemeinen Einstellung zu den beiden Sprachen einerseits und zum rechtlichen Status andererseits? Der Westen, der Norden und das Zentrum der Ukraine sind Landesteile, in denen auch heute die meisten Bewohner Ukrainisch sprechen - eine Gefahr, dass die Sprache ausstirbt, besteht also kaum. Trotzdem herrscht gerade hier die Angst, eine in jeder Hinsicht und ohne regionale Unterschiede geltende Gleichberechtigung des Russischen könne dem Ukrainischen auf lange Sicht ein Schicksal bereiten, wie es in der Sowjetunion (abgesehen von einer Phase liberaler Sprachenpolitik in den 1920er-Jahren) angelegt war. Bis 1989 setzte die Regierung in Moskau auf die Dominanz der russischen Sprache und die Marginalisierung des Ukrainischen. Dies ist nicht zuletzt das Schicksal des Weißrussischen in Weißrussland, wo das Russische bereits am Anfang der Präsidentschaft von Alexander Lukaschenko als "gleichberechtigte" zweite Staatssprache eingeführt wurde.

Dennoch zeigen die jüngsten Umfragen, dass die regional begrenzte rechtliche Aufwertung des Russischen im gesamten Süden und Osten des Landes ein möglicher Kompromiss wäre, dem auch die Bürger der anderen Landesteile zustimmen könnten. Dass weite Teile der Bevölkerung eine positive Einstellung zur Bilingualität äußern, sollte als Fingerzeig für eine zukünftige liberale und demokratische Sprachenpolitik verstanden werden. Das Ukrainische sollte in den Landesteilen gefördert werden, in denen es heute als primär verwendete Sprache schwach ist, im Osten und Süden also. Dort, wo überwiegend Ukrainisch gesprochen wird, sollte dagegen ein guter Russisch-Unterricht an den Schulen gewährleistet sein.

Die Ukraine wird heute von manchen als zutiefst in zwei Teile gespaltenes Land gesehen. Die sprachlichen Verhältnisse spiegeln das keineswegs wider. Es gibt sicher Unterschiede im weiten ukrainischen Land vom Westen bis zum Osten und Süden. Beide Sprachen, Russisch wie Ukrainisch, werden jedoch von breiten Teilen der gesamten Bevölkerung geschätzt und gesprochen. Selbst auf dem Maidan.

Gerd Hentschel, 61, ist Professor für Slawistische Sprachwissenschaft am Institut für Slawistik der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg.