Im Gaza-Streifen schweigen die Waffen, doch es werden immer mehr Tote gefunden. Israel und die Hamas streiten darüber, wieviele Opfer der Krieg insgesamt gefordert hat - und wer ihn gewonnen hat.
Palästinensische Rettungskräfte haben am Montag zehn weitere Leichen aus den Trümmern zerstörter Häuser im Gaza-Streifen geborgen. Man suche immer noch nach möglicherweise verschütteten Überlebenden, berichteten Rettungsdienste.
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Die Kämpfe sind erst mal vorbei, doch der Schmerz dauert an: Ein palästinensischer Junge weint neben den Trümmern des Hauses seiner Familie. (© Foto: Reuters)
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Nach der Ausrufung der Waffenruhe in dem Palästinensergebiet am Sonntag waren bereits zuvor in den Ruinen von Bait Lahiya und Dschabaliya die Leichen von etwa hundert Palästinensern gefunden worden, die zuvor wegen der intensiven Kämpfe nicht geborgen werden konnten.
Die Zahl der Toten seit Beginn der israelischen Militäroffensive am 27. Dezember soll mindestens 1310 betragen. Mehr als die Hälfte seien Zivilisten, teilten die Rettungskräfte mit, darunter mehr als 420 Kinder. Die Zahl der Verletzten betrage 5500. Auf der israelischen Seite waren bei Raketenangriffen und Kampfhandlungen drei Zivilisten und zehn Soldaten getötet worden.
Die palästinensische Seite nannte allerdings völlig andere Opferzahlen. Laut Angaben der radikalislamischen Hamas wurden nur 48 ihrer Kämpfer getötet. Die Mitteilung vom Montag war die erste offizielle Erklärung zu Opferzahlen der Hamas seit Beginn des Kriege am 27. Dezember. Hamas-Sprecher Abu Obeida sagte zudem, dass auf israelischer Seite 80 Soldaten getötet worden seien, lieferte dafür aber keine Beweise.
Die Hamas erklärte sich zum Sieger der Kämpfe im Gaza-Streifen. Die Fähigkeit zu Raketenangriffen auf den Süden Israels sei durch die Offensive nicht geschwächt worden, sagte Obeida. Das Raketenarsenal sei unbeschadet, während der israelischen Angriffe habe die Hamas 345 Kassam-Raketen, 213 Grad-Raketen und 422 Granaten auf Israel abgeschossen.
"Wir sind immer noch in der Lage, Raketen abzuschießen, und Gott sei Dank werden unsere Raketen auch noch andere Ziele erreichen", sagte der Hamas-Sprecher. Israel habe also "keines seiner Ziele" erreicht.
Feuerpause und Säbelrasseln
Der israelische Ministerpräsident Ehud Olmert hatte tags zuvor hingegen erklärt, bei der Offensive seien "alle Ziele erreicht worden - und noch mehr". Israel will seine gesamte Militärmacht bis zur Amtseinführung des neuen US-Präsidenten Barack Obama am Dienstag aus dem Gaza-Streifen zurückziehen. Diesen Plan habe Ministerpräsident Ehud Olmert westlichen Staatschefs am Sonntagabend vorgestellt, erklärten ranghohe israelische Beamte.
Bereits nach der Ankündigung des zunächst einseitigen Waffenstillstands durch Israel am Samstag begannen Tausende Soldaten den Gaza-Streifen zu verlassen. Der komplette Abzug hängt aber davon ab, ob sich die Hamas an den Waffenstillstand halten wird, wie die Beamten weiter erklärten. Die Truppenverbände blieben zunächst nahe der Grenze stationiert, um notfalls wieder einmarschieren zu können.
Trotz der Drohgebärden von beiden Seiten hielt die von Israel und den militanten Palästinensergruppen im Gaza-Streifen verkündete Waffenruhe am Montag weitgehend. Eine israelische Armeesprecherin sagte, in der Nacht habe es keine neuen Angriffe gegeben. Israel ziehe weitere Truppen aus dem Gaza-Streifen ab.
Augenzeugen berichteten allerdings am Montagvormittag von neuen Scharmützeln im nördlichen Gaza-Streifen. Militante Palästinenser schossen demnach auf noch verbliebene israelische Truppen. Die israelische Kriegsmarine feuerte daraufhin mehrere Raketen auf die Positionen der Militanten ab.
In den Straßen von Gaza waren am Montag erstmals seit drei Wochen wieder Polizisten der radikal-islamischen Hamas zu sehen. Die Ordnungskräfte trugen Zivilkleidung und waren an ihren gelbe Westen zu erkennen, berichteten Bewohner der Stadt. Die Zivilpolizei war zu Beginn der inzwischen beendeten israelischen Militäroffensive vor drei Wochen völlig aus dem Straßenbild verschwunden.
Neue Hilfen für Gaza
Unterdessen hat Israel nach dem Ende der Kämpfe erneut Hilfstransporte in das Palästinensergebiet genehmigt. Ein Konvoi mit 120 Lastwagen solle über den Grenzübergang Kerem Schalom Hilfsgüter in den Gaza-Streifen bringen, teilte ein israelischer Armeesprecher am Montag mit.
Ein weiterer Konvoi mit 60 bis 70 Lkw solle den Grenzübergang Karni passieren. Zudem war die Lieferung von 400.000 Liter Heizöl vorgesehen. Seit Beginn der israelischen Offensive am 27. Dezember wurden nach Angaben der Armee 40.000 Tonnen Hilfsgüter wie Lebensmittel und Medikamente in den Gaza-Streifen gebracht.
Vertreter arabischer Staaten wollen an diesem Montag bei einem dritten Treffen innerhalb von fünf Tagen in Kuwait über ein Zwei-Milliarden-Dollar-Hilfspaket für die Palästinenser beraten. Das Geld soll nach dem dreiwöchigen Krieg in den Wiederaufbau des Gaza-Streifens fließen.
Nach palästinensischen Schätzungen verursachte die israelische Offensive im Gaza-Streifen einen Schaden von fast zwei Milliarden Dollar (knapp 1,5 Milliarden Euro). Die palästinensische Statistikbehörde (PCBS) veröffentlichte am Montag in Ramallah Angaben über die Schäden der dreiwöchigen Militärangriffe.
Mindestens 22.000 private und öffentliche Gebäude seien beschädigt oder zerstört worden, hieß es in der Studie. Dies seien 14 Prozent aller Gebäude im Gaza-Streifen.
Deutschland kündigte derweil an, sich nicht an einer möglichen internationalen Mission zur Sicherung der Seegrenze zwischen Ägypten und dem Gaza-Streifen beteiligen zu wollen. Die Angebote der Bundesregierung konzentrierten sich darauf, Ägypten bei der Sicherung der Landgrenze zu überstützen, sagte Regierungssprecher Ulrich Wilhelm in Berlin.
In Großbritannien gibt es Überlegungen, Ägypten bei der seeseitigen Grenzsicherung zu helfen. Dabei geht es wie auch auf der Landseite laut Wilhelm hauptsächlich um die Unterbindung des Waffenschmuggels.
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(AFP/AP/dpa/Reuters/gal)
Studie von UN-Kinderhilfswerk
Den Israelis und Palästinensern möchte ich mit Hilde Domin zurufen:
Die Frage, um die es geht, lautet : Bin ich der Hüter meines Bruders? Statt mit ja zu antworten, erwiderte Kain: Ich bin doch nicht der Hüter meines Bruders!
Mit dieser Verneinung wurde die Menschheit zerrissen.; der Mensch war nicht mehr Schützer, sondern Feind des anderen. Mit Hilde Domin bin ich der Meinung, dass das Nein in der Antwort des Kain in ein Ja verwandelt werden muss. Wenn Kain ja sagt, ist er nicht mehr Kain, der Mörder bzw. der Hassererfüllte, sondern der Bruder.
Jedes Bekenntnis des Menschen zum Bruder, der zu behüten sei, ist ein neuer, hoffnungsvoller Anfang des Friedens.
Lasst Abel in uns aufstehen, damit es anders anfängt zwischen uns allen : und zwar mit Feuern der Versöhnung, als Hüter der Brüder und als Söhne und Töchter eines gemeinsamen Vaters im Himmel.
Die Feuer des Abel sind von Versöhnung, Bruderliebe, Vertrauen und Teilen bestimmt. Sie können heilen, sättigen und Frieden schaffen. Die Feuer des Abel brennen allein zum Schutz eines jeden Menschen.
"Tagesschau"-Kommentar
*Israel* *hat* *aus* *Gaza* *ein* *zweites* *Somalia* *gemacht*
Von Carsten Kühntopp, ARD-Hörfunkstudio Amman
"Jetzt, wo die Waffen schweigen, wird für die Palästinenser im Gazastreifen das ganze Ausmaß der Zerstörungen sichtbar. Die Menschen stochern durch die Trümmer, ziehen Leichen hervor, setzen die Toten bei. Es gibt mehr als 1300 Todesopfer, Hunderte davon sind Kinder. Kaum vorstellbar, dass aus so viel Zerstörung, aus so viel Bösem, jemals etwas Gutes erwachsen kann.
Deutsche im Einsatz gegen Waffenschmuggel?
Die Israelis sagen, nun müsse der Waffenschmuggel in den Gazastreifen unterbunden werden. So wolle man eine Wiederbewaffnung von Hamas und weiteren Raketenbeschuss verhindern. Die Bundeskanzlerin sieht das ähnlich, wie sie in Scharm el-Scheich und Jerusalem sagte. Offenbar spielt Angela Merkel mit dem Gedanken, technische Hilfe, Beobachter, vielleicht sogar die Marine zu schicken.
Die Kanzlerin hat aus den fürchterlichen letzten drei Wochen nichts gelernt. Es geht nicht darum, dass Palästinenser Raketen nach Südisrael geschossen haben. Das war nur der Vorwand, den die Israelis selbst provozierten, mit ihrem kalkulierten, massiven Bruch der Waffenruhe Anfang November. Tatsächlich war der Krieg ein unmissverständliches Zeichen, was denen droht, die sich Israel widersetzen.
EU setzt auf die falsche Politik
Israels Abriegelung des Gazastreifens begann 1991, vor den ersten Selbstmordanschlägen, und gipfelte vor zwei Jahren in einer völligen Blockade. Die Europäische Union unterstützte diese Politik, ihr Kalkül war folgendes: Wenn die Menschen im Gazastreifen immer tiefer auf Subsistenzniveau gedrückt werden, lehnen sie sich irgendwann gegen die Hamas auf - und dann kann Machmud Abbas, der gefügige palästinensische Präsident, wieder Einzug in Gaza halten.
/Fortsetzung
"Tagesschau"-Kommentar
*Israel* *hat* *aus* *Gaza* *ein* *zweites* *Somalia* *gemacht*
Teil 2
In der Weltgeschichte gab es das zuvor noch nie: Nicht etwa der Besatzer, Israel, wird mit Sanktionen belegt, sondern der Besetzte, die Palästinenser. In Brüssel, in den europäischen Hauptstädten, glaubte man allen Ernstes, dass es Frieden und Sicherheit für Israel bringt, wenn man anderthalb Millionen Menschen an seiner Südwestflanke die Chance nimmt, ein Leben in Würde zu führen, wenn man ihre Wirtschaft zerstört und sie gezielt zu Wohlfahrtsempfängern macht.
Gaza-Abriegelung ist völkerrechtswidrig
Israels Politik gegenüber den Palästinensern bedroht die Stabilität des östlichen Mittelmeers und der umliegenden Länder. Der Bundeskanzlerin muss klar werden: Es bringt nichts, an den Symptomen herumzudoktern, also dem Waffenschmuggel - man muss die Krankheit angehen, also die Blockade und die seit 1967 andauernde Besatzung. Die Abriegelung des Gazastreifens ist völkerrechtswidrig und kontraproduktiv und muss beendet werden, ein für alle Mal.
Israels Präsident Shimon Peres erzählt seit Jahren, dass aus Gaza ein zweites Singapur werden könnte; doch das, was sein Land bisher in Gaza angerichtet hat, sieht eher nach einem zweiten Somalia aus."
*Quelle*: wewewe.tagesschau.de/kommentar/nahost298.html
Zitat: "@schneemoser, was ist ihr Vorschlag?"
an die Palästinenser:
1. Existenzrecht Israels anerkennen und Gewaltverzicht erklären
2. Keine Gewalttaten mehr durchführen
3. Verhandeln
an die Israelis:
1. Existenzrecht eines palästinensischen Staates anerkennen und Gewaltverzicht erklären
2. Keine Gewalttaten mehr durchführen
3. Verhandeln
und zwar die jeweiligen Punkte immer gleichzeitig, nicht "zuerst muss der andere......"
@schneemoser, was ist ihr Vorschlag?, sich ganz wiederstandslos in Gaza aushungern zu lassen?.
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