Kommunen: Spar oder stirb! Rasende Entwicklung zur Langsamkeit

Überall in Deutschland werden massenweise neue Tempo-30-Schilder montiert. Mit dem Wohl der Menschen hat das wenig zu tun.

Von Fabian Heckenberger

Das Schild kostet etwa 16 Euro, Halterung, Mehrwertsteuer und Versandkosten kommen bei der Bestellung noch hinzu. Die Zahl 30 steht dort in Schwarz auf weißem Grund, umrandet von einem roten Kreis. "Tempo 30" ist eines der unbeliebtesten Schilder bei deutschen Autofahrern, denn es zwingt sie, den Fuß vom Gaspedal zu nehmen. Die Zeichen stehen vor Schulen, Seniorenheimen oder in Wohngebieten. Sie sollen Fußgänger, vor allem Kinder und alte Menschen, vor Rasern schützen. Die sind in Deutschland, wo es auf Autobahnen immer noch kein allgemeines Tempolimit gibt, besonders zahlreich unterwegs.

Doch jetzt, nach dem langen Winter, breitet sich in Rekordgeschwindigkeit eine neue Langsamkeit in vielen Städten und Gemeinden aus: Auf immer mehr Straßen werden neue Tempo-30-Schilder montiert. Das aber hat wenig mit dem Wohl der Menschen zu tun.

Es schützt vor allem Stoßdämpfer, Reifen und Achsen. Und zwar vor den Schlaglöchern, Rissen und Furchen, die der Frost dem Asphalt zugefügt hat. Weil das Geld für die Sanierung fehlt, heißt es immer öfter: bremsen statt reparieren. "Das ist ein Trend, den wir in ganz Deutschland beobachten", sagt Wiebke Dammann vom ADAC: "Statt zu reparieren, werden Schilder aufgestellt und die Geschwindigkeit herabgesetzt." Weil der Winter 2010 besonders hart war, hat diese Maßnahme Hochkonjunktur.

Die Kommunen haben in den vergangenen Tagen Bilanz gezogen, welche Schäden Schnee und Frost auf ihren Straßen angerichtet haben. Das Ergebnis fällt verheerend aus. Der ADAC schätzt die Kosten für die nötigen Reparaturen allein auf den kommunalen Straßen auf drei Milliarden Euro.

In den vergangenen drei Jahren lag dieser Betrag durchschnittlich bei einer Milliarde. Angesichts der angespannten Finanzlage in Städten und Gemeinden sind deshalb Notlösungen und kreative Maßnahmen gefragt. Ein neuer Straßenbelag kostet mindestens 40 Euro pro Quadratmeter. Da wird der Griff zum billigen Schild für viele Kommunen zur Verlockung.

Im Hamburger Bezirk Mitte schützen plötzlich 120 neue Zeichen mit der berüchtigten 30 den unbedachten Autofahrer vor der Fahrt ins Schlagloch und dem anschließenden Besuch in der Werkstatt. Im Bezirk Harburg ist wegen Schäden auf 19 Straßen das Tempo auf 30 Kilometer pro Stunde begrenzt.

Der NDR rief dieser Tage gar einen bundesweiten Notstand an Tempo-30-Schildern aus. Ganz so schlimm ist es nicht, doch in den Straßenmeistereien rund um die Hansestadt findet sich kaum noch eines der begehrten Zeichen. Lieferfristen für die Schilder liegen bei den Herstellern derzeit zwischen sieben und zehn Tagen. Die Lager sind weitgehend leer, es müsse neu produziert werden, heißt es.

Weil die Temperatur im Norden Deutschlands am stärksten zwischen mild und frostig schwankte, sind hier die Schäden am größten und Schilder am gefragtesten. Auch Hannover wird zunehmend ausgebremst. In Berlin ist es fast schon Tradition, dass statt des Teer-Wagens, mit dem Schlaglöcher geflickt werden, der Lkw mit den Schildern an den rissigen Stellen der Straßen vorfährt.

Sind die Schilder einmal aufgestellt, kostet es die Kommunen meist viel Überwindung, sie später wieder einzusammeln. "Gängige Praxis. Erst bremsen, dann überlegen", sagt Michael Wißing von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und ergänzt: "Wenn das so weitergeht, ist bald ganz Berlin eine einzige Tempo-30-Zone."