Wikileaks Julian Assange fordert bedingungslose Transparenz - aber nur von anderen

Julian Assange steht am Freitag auf dem Balkon der ecuadorianischen Botschaft in London.

(Foto: dpa)

Der Erfinder von Wikileaks stellt die Geheimnisse von Staaten ins Netz. Sich selbst und seine Motive aber hält er lieber versteckt. Damit schadet er der guten Sache, für die er eigentlich kämpft.

Kommentar von Nicolas Richter

Julian Assange ist keine Lichtgestalt, er ist eher ein Beleuchter. Er steht mit einem Theaterscheinwerfer auf dunkler Bühne, leuchtet die Ecken aus; das Publikum staunt über Peinliches und Ungeheuerliches. Assange selbst aber steht im Dunkeln: Das Licht geht von ihm aus, es fällt nicht auf ihn.

Vor einem Jahrzehnt hat er die Enthüllungsplattform Wikileaks erfunden, als moderne Waffe gegen Machtversessenheit und -missbrauch. Er selbst aber blieb oft unsichtbar, vor allem in den vergangenen Jahren: Die schwedische Justiz suchte ihn per Haftbefehl, um ihn zu Vergewaltigungsvorwürfen zu befragen; Assange aber entzog sich, indem er sich in der Londoner Botschaft Ecuadors Asyl gewähren ließ. Nun hat die Staatsanwaltschaft in Schweden die Ermittlungen vorerst eingestellt. Weder aber ist Assange frei, noch weiß die Öffentlichkeit besser als vorher, was sie von ihm zu halten hat.

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Assange ist immer radikal gewesen, sowohl in seinem Urteil über die Politik als auch in seinen Vorschlägen für eine bessere Welt. Regierungen beurteilt er als organisierte Verschwörungen: Politiker behaupten demnach ihre Macht, indem sie Bürger im Dunkeln lassen. Assange dagegen fordert, Staaten deren Geheimnisse zu nehmen und sie komplett zu veröffentlichen. Dieses Dogma filterloser Transparenz hat die Welt verändert, hat Whistleblowern die Bühne bereitet, hat Kriegsgeheimnisse der USA ebenso ans Licht befördert wie die Geschäfte von Steueroasen.

Der Verdacht gegen Assange ist nicht ausgeräumt

Allerdings hat Assange diese Transparenz immer sehr viel entschiedener von anderen verlangt als von sich selbst. Die Vergewaltigungsvorwürfe gegen ihn könnten bloßer Rufmord sein, er hätte sich den schwedischen Ermittlern stellen und seine Unschuld beweisen können. Stattdessen zog er sich in die Botschaft zurück mit dem Argument, Schweden könne ihn womöglich an die USA ausliefern, weil er deren Geheimnisse verraten hat. Wegen der Aussichtslosigkeit, ein Strafverfahren doch noch zu Ende zu bringen, hat es die schwedische Justiz jetzt für vorläufig beendet erklärt. Assange aber hat den Verdacht gegen sich damit nicht ausgeräumt, er hat bloß die Ermittler ausgesessen.

Man weiß nicht so genau, wie es mit Assange jetzt weitergeht. Die britische Polizei sieht eigene Haftgründe, und es ist unklar, ob die USA ihn tatsächlich verhaften möchten oder nicht. Also wird Assange womöglich noch in der Botschaft verharren. Für Assange in seiner Eigenschaft als Internetaktivist spielt das nur eine zweitrangige Rolle, denn selbst in seiner selbst gewählten Gefangenschaft war er ja nie weg: Er veröffentlichte neue Dokumente, kommentierte den Lauf der Welt auf Twitter. Ein Aktivist in Internetzeiten ist eben auch dann im Internet aktiv, wenn er im Haus bleiben muss. Auch das hat Assange der Welt gezeigt.

Und doch liegt ein Schatten über ihm. Erstens verstört sein Gebot bedingungsloser Transparenz immer wieder, weil enthülltes Material auch Unschuldige oder Unbeteiligte blamieren oder sogar gefährden kann. Zweitens ist der Verdacht gewachsen, dass Assange, bewusst oder unbewusst, entweder anderen Herren dient oder sich selbst als Königsmacher aufspielt. Dass sein Material über die US-Demokratin Hillary Clinton vom russischen Geheimdienst stammt, wurde nie beweisen, aber Wikileaks hat sich vor der US-Wahl oft so verhalten, als wolle es einen Sieg Clintons verhindern. Das Problem mit dem Gebieter der Transparenz ist es also, dass vieles um ihn herum nicht transparent ist; das beschädigt sein sonst beachtliches Lebenswerk im Kampf gegen Machtmissbrauch und Verdunkelung.

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