In den Vorstädten von Paris eskaliert die Gewalt, und in den feinen Vierteln erschrecken die Bürger.
Die Aufstände in den Vorstädten haben nun auch Unruhe in die französische Regierung gebracht. Dominique de Villepin, der verbindliche Premierminister, der die banlieue mit Überzeugungsarbeit befrieden will, mag seinem Innenminister Nicolas Sarkozy, dem Mann für Recht und Ordnung, das Feld nicht mehr allein überlassen.
Für die Hoffnungslosen am Rande der Großstädte hat sich Innenminister Sarkozy zu einer Hassfigur entwickelt. (© Foto: Reuters)
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Wer mit den Menschen in den überwiegend muslimischen Ghettos ins Gespräch kommen will, so die Haltung des Regierungschefs, darf sie nicht beschimpfen. Wer Steine schmeißt und Feuerwehrleute angreift "ist ein Ganove, Punkt", beharrt hingegen der Innenminister.
Man muss, so sagt er, die Dinge beim Namen nennen. Sarkozy hat sich für die Hoffnungslosen am Rande der Großstädte zu einer Hassfigur entwickelt. Auf ihn projizieren sie ihre Wut.
Villepin dagegen bleibt, obwohl er einer verhassten Regierung vorsteht, bei den zu kurz Gekommenen zumindest eine respektierte Größe. Als nach dem Tod von zwei Jungen - der die Ausschreitungen auslöste - der Innenminister die Angehörigen der Toten zu sich bitten wollte, haben die es abgelehnt, ihn zu sehen.
Eine Einladung des Regierungschefs aber wollten sie nicht ausschlagen. So begab sich eine Gruppe aus einer anderen Welt in das großartige Hôtel Matignon, den Amtssitz des Premiers. Um seinen Polizeiminister nicht deutlich zu desavouieren, hatte Villepin den Scharfmacher hinzugebeten. Damit ist die Kleiderordnung wieder hergestellt.
Am Beispiel der Auseinandersetzung, wie man die Stiefkinder der Gesellschaft in die Familie der Republik zurückholt, zeigt sich aber erneut die immerwährende Rivalität zwischen den beiden führenden Männern des bürgerlichen Lagers, deren Ambitionen für die künftige Präsidentschaft gleichermaßen ausgeprägt sind.
Nun macht Villepin klar, dass er es ist, der die Richtlinien vorgibt. Im Hintergrund wacht Jacques Chirac, der seine Minister zur Besonnenheit mahnt und sich täglich berichten lässt.
Es ist die banale Tragik der Vorstädte, wo Menschen im Schatten leben. Sie möchten, dass ihre Probleme ernst genommen werden. Erschrocken sehen die Bürger in den feineren Vierteln, wie es zugeht am Rande der Gesellschaft.
Als die Arbeitslosigkeit jüngst unter die Zehn-Prozent-Marke fiel, haben sie das mit Genugtuung erfahren. Draußen in den Trabanten-Städten hat man wenig davon. Dort erwarten die Menschen schon lange nicht mehr, dass eine Regierung, welcher Couleur auch immer, sie aus der Sackgasse der Aussichtslosigkeit führt.
Villepin lässt keinen Zweifel, dass ihm die Einlassungen seines Innenministers gegen den Strich gehen. Demonstrativ favorisiert er den jungen Azouz Begag, Ministre délégué, was etwa einem Staatssekretär entspricht.
Der gelernte Soziologe Begag, der Kindheit und Jugend in einem verkommenen Slum verlebt hat, ist gewissermaßen das soziale Gewissen dieser Regierung. Er und Sarkozy, der ehemalige Bürgermeister im noblen Neuilly-sur-Seine, hätten "nicht dasselbe Frankreich im Blickfeld", konstatiert der Juniorminister trocken.
Dies ist ein Schlüssel für die Situation. Das Frankreich in den Ghettos der Vorstädte hat wenig gemein mit dem Rest des Landes, und bislang ist es noch keiner Regierung gelungen, beide miteinander zu versöhnen. Es fehlt der verbindende Konsens.
In den Vorstädten wird nicht die Marseillaise gesungen, und wenn sie im Fußballstadion ertönt, dann wird sie mitunter niedergepfiffen. Doch selbst wenn Sarkozy in manchem Recht haben mag - mit seinen hingeworfenen wütenden Äußerungen, die banlieue zu "säubern", oder wenn er die Jungen als "Gesindel" beschimpft, gießt er Öl in Feuer.
Es brennen weiterhin Autos, Nacht für Nacht. Die sozialistischen Bürgermeister der sozialen Brennpunkte sind verzweifelt. Aber auch der linken Vorgängerregierung war es nicht gelungen, die Vorstädte zu befrieden. Die Versuche, die Zuwanderer der dritten Generation zu integrieren, sind gescheitert.
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(SZ vom 3.11.2005)
Protest gegen dritte Startbahn