George W. Bush und seine Leute sind in ihrer Irak-Politik nichts anderes als der personifizierte Widerspruch. Ein halbes Dutzend Kommissionen hat Bush nachgewiesen, dass seine Begründung für den Krieg erfunden war. Doch wenige Wochen vor den Wahlen täuscht, trickst und verängstigt der Präsident die Wähler - und hat damit auch noch Erfolg.
Die klassische Rhetorik kennt in der Vorbereitung einer Rede als Erstes die inventio, in der ein Redner die passenden Gedanken zu seinem Thema sucht. Wenn er die Argumente zusammen hat, werden sie in der dispositio gefiltert und geordnet. Dann werden Gedanken und Sprache miteinander verheiratet, möglichst klar und rein, ehe der Redner alles verinnerlicht und in der pronuntio eindrucksvoll zum Besten gibt.
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Der amerikanische Wahlkampf ist ein Hochfest der Rhetorik, allerdings fehlt in der wortgewaltigen Auseinandersetzung ein wichtiges Element, ohne das sich ein Rhetor aus der Antike nicht unters Volk getraut hätte: dialektisches Geschick, also die Gabe, Widersprüche und Unklarheiten durch die Schärfe des Gedankens oder die Kraft der Fakten aufzuheben.
Präsident George Bush und seine Leute sind in ihrer Irak-Politik - dem zentralen Thema dieser Wahl - nichts anderes als der personifizierte Widerspruch. Ein halbes Dutzend Kommissionen hat dem Präsidenten inzwischen nachgewiesen, dass seine Begründung für den Krieg erfunden war, dass Bush also in der Phase der inventio sehr einfallsreich mit den Fakten hantierte und bis heute in seiner pronuntio den Eindruck vermittelt, dass ihn das alles nicht erschüttern kann.
Der Mann ist nicht redlich
Hier liegt ein wichtiger Grund für die Sprachlosigkeit zwischen dem demokratischen Herausforderer und dem Amtsinhaber: Bush bricht alle Regeln der Auseinandersetzung, indem er ungestraft Halbwahrheiten in die Welt setzen und Zusammenhänge konstruieren kann. Der Mann ist nicht redlich - aber er musste bisher keinen Preis dafür zahlen.
Jetzt also hat der CIA-Waffeninspektor Charles Duelfer noch einmal schriftlich hinterlegt, dass es keine Massenvernichtungswaffen im Irak gab. Er tat dies wenige Stunden nachdem Verteidigungsminister Donald Rumsfeld einen Zusammenhang zwischen Saddam und al-Qaida in Abrede gestellt hatte.
Die Konsequenz: keine.
Stattdessen ignoriert Bush die Fakten und verängstigt die Wähler mit der nächsten inventio: Herausforderer Kerry werde Amerika gefährden, und Saddam habe Terroristen mit Waffen, Waffenmaterial oder Informationen versorgen wollen.
Fakten ignorieren, Behauptungen aufstellen
Der Präsident verschärft die Auseinandersetzung also, indem er Fakten ignoriert und Behauptungen aufstellt. Er legt dabei die gleiche Terrier-Attitüde an den Tag, mit der er nach der Wahl 2000 den Sieg an sich gerissen hat. Der Stil ist schwer erträglich - aber er verspricht Erfolg.
Bushs permanente Grenzverletzung in der politischen Auseinandersetzung wird in den USA hingenommen, weil das historische Gedächtnis kurz und die Lust an der deftigen Auseinandersetzung groß ist. Ein Kandidat wird eher an seinen Heilsversprechen gemessen als an seiner Fähigkeit, die Geschichte ehrlich aufzuarbeiten und Rhetorik und Redlichkeit zu vermählen. Die Untersuchungsberichte mögen für viele eine späte Genugtuung sein - die Wahl aber werden sie alleine nicht entscheiden.
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(SZ vom 8.10.2004)