Von Von Stefan Kornelius

(SZ vom 27.11.2003) - Wenn Amerika Thanksgiving feiert, dann wird die Nation sentimental. Familien kommen zusammen, der Präsident begnadigt einen Truthahn und ein Land gedenkt seiner Werte und Traditionen. Und weil das Land gerade einen Krieg führt, stehen die Soldaten im Mittelpunkt der emotionalen Aufwallung, die für europäische Ohren nicht selten schmalzig klingt.

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In diesem Jahr mag es für die eine oder andere bayerische oder pfälzische Gemeinde ein Segen sein, dass Thanksgiving, der Krieg und die Stationierungsplanung des Präsidenten zusammenfallen, denn so mancher Metzgermeister aus der deutschen Provinz wird dieser Kombination seine Existenz verdanken. Ein versöhnlicher George Bush hat nämlich den Startschuss zu einer Standortdebatte für das amerikanische Militär gegeben, die von der großen Strategie bis hin zur mittelständischen Existenz so ziemlich alles zusammen bringt, was ein Soldatenleben ausmacht.

Klarheit über Sinn und Zweck von Militär

Amerikanische Soldaten in Deutschland sind ein Symbol. Für die Nachkriegsgeneration halten sie Erinnerungen aus der Kindheit wach, sie waren jahrzehntelang kulturelle Sendboten und transportierten einen neuen Lebensstil, sie stehen für Wiederbewaffnung und Nachrüstungsstreit, für Fulda Gap und Kalten Krieg. Befreier, Besatzer, Bündnispartner, Ami go home und German Schnitzelseligkeit - in den Soldaten spiegelt sich so ziemlich jede Wallung in den transatlantischen Beziehungen. Aber die Stationierung von inzwischen 70.000 Soldaten wurde nicht einmal ernsthaft in Frage gestellt, als vor einem Jahr der Marschbefehl für einen hierzulande nicht akzeptierten Krieg einging und die Kriegsgüter in Bremerhaven eingeschifft wurden.

Wenn nun Bush mit den Verbündeten eine Stationierungsdebatte beginnen will, dann bedeutet das zweierlei: Erstens weiß Washington schon, welches Ergebnis am Ende der Diskussion stehen soll. Und zweitens sollen die eigenen Landsleute und mehr noch die Verbündeten mit Hilfe dieser Debatte gezwungen werden, Klarheit zu gewinnen über Sinn und Zweck von Militär im Zeitalter der terroristischen Bedrohung.

Doppelte Botschaft

Bush muss schon deshalb das (ungefähre) Ziel dieser Debatte kennen, weil es viel zu riskant wäre, das Militär als größten Arbeitgeber und Investor der USA in eine Grundsatzdebatte mit offenem Ausgang zu verwickeln. Deshalb ist der Ablauf dieser Auseinandersetzung um die Stationierung orchestriert - all die Gespräche der nächsten Wochen und Monate dienen dazu, ein politisches Großprojekt möglichst reibungslos abzuwickeln.

Zwei Botschaften verbindet die amerikanische Regierung mit der Stationierungsdebatte - eine für den innenpolitischen und militärpolitischen Gebrauch, die andere für die Bündnispartner. Nach Amerika hinein geht die Botschaft, dass keine Experimente zu erwarten sind. In den USA selbst werden (unter vermutlich wüstem Gebrüll im Wahljahr) Standorte geschlossen, im Ausland aber auch. Das Militär wird bei alldem aber nicht überstrapaziert.

Bush weiß, dass die Soldaten durch seine Politik am Rande der Überforderung stehen. Deswegen wird er ihnen keine zusätzlichen Lasten aufbürden und etwa ein Stationierungskonzept verabschieden, das die Soldaten zu lange von ihren Familien trennt oder ihre Standorte unattraktiv macht. Deswegen ist Deutschland wichtig für die USA: Hier leben die Soldaten mitten im Frieden und Wohlstand und sind doch nahe genug an den Krisenherden dieser Welt.

Der Ton ändert sich

Für die Bündnispartner klingt Bushs Gesprächsangebot erstaunlich moderat: Hier scheint endlich einmal nicht die imperiale Nation aufzutreten, die mit Erpressungsmethoden ihre Vorstellung eines modernen Stationierungs-Plans oktroyiert. Und vor allem spricht auch nicht der Präsident, der Frankreich und Deutschland bestrafen, Polen aber belohnen will, wie das die neokonservativen Zirkel mit Blick auf die Soldaten als investitionspolitische Verfügungsmasse in Aussicht gestellt hatten. Der Ton ändert sich, der Präsident muss eine Wahl gewinnen, und er wirbt um Verständnis. Das alte Europa von Donald Rumsfeld ist plötzlich wieder modern genug, um den Truppen Heimat zu sein. Für den Verteidigungsminister gilt daher der Ratschlag, den er gerne selbst erteilt: Wer im Loch sitzt, soll mit dem Graben aufhören.

Für die Bundesrepublik ist die Stationierungsdebatte eine Gelegenheit, sich ihrer Rolle in einem Militärbündnis zu vergewissern. Deutschland ist nicht mehr auf den unmittelbaren Schutz der USA angewiesen. Das Land ist erstmals tatsächlich souverän in seiner Entscheidung, weil es die äußere Bedrohung nicht mehr hinter Mauer und Minengürtel im Fernglas beobachten kann. Die Entscheidung über die Stationierung ausländischer Truppen auf dem eigenen Territorium kann deshalb so frei wie nie zuvor gefällt werden.

Schon aus schierem Eigennutz kann diese Entscheidung nicht schwer fallen: Die US-Soldaten haben nicht nur Deutschland geprägt - umgekehrt prägen auch Deutschland mit seiner Kultur und seinem Lebensstil die Soldaten und damit Amerika. In Zeiten der Entfremdung sind Standortentscheidungen also hochpolitisch. Wenn sie auch Pfälzer Metzgern nutzen - um so besser.

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