Von Von Frank Nienhuysen

Während Bush und Putin vor der Öffentlichkeit Frieden und Freundschaft beschwören, tobt im Hintergrund ein Stellvertreterkrieg.

George W. Bush mag Visionen haben, ein Hellseher ist er nicht. Als er vor vier Jahren in Slowenien zum ersten Mal Wladimir Putin traf, da sagte der Amerikaner: "Ich habe dem russischen Präsidenten eindringlich in die Augen und in seine Seele geschaut und bin zu dem Schluss gekommen: Diesem Mann kann man vertrauen."

Glaubt sich als Kenner der russischen Seele - US-Präsident Bush mit Kremlchef Putin. (© Foto: dpa)

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Die russische Seele indes ist manchmal nur schwer zu durchdringen, und so sah sich Bush nun gezwungen, den Kremlchef wegen seines autokratischen Kurses scharf zu warnen.

Stellvertreterkrieg

Er tat dies wohlweislich bereits am Montag, damit er sich beim Treffen in Bratislava ganz darauf konzentrieren konnte, das derzeit einzige echte Bindeglied zwischen den beiden Atommächten hervorzuheben: den Kampf gegen den internationalen Terrorismus, speziell den Schutz vor der Verbreitung von Nuklearmaterial.

Nimmt man diese Geißel der Neuzeit zum Maßstab, so scheint das russisch-amerikanische Verhältnis nach dem Gipfel geeignet zu sein, die Welt etwas sicherer zu machen. Doch während Bush und Putin coram publico ihre friedliche Koexistenz beschwören, tobt im Hintergrund eine Art Stellvertreterkrieg.

In der zweiten Reihe wird heftig aufeinander gefeuert, und dies trifft den Kern der beiderseitigen Beziehungen deutlich besser als der wohlfeile Auftritt in der Slowaken-Metropole. Viele Russen misstrauen dem selbst ernannten Demokratie-Exporteur Bush, dem missionarischen Eifer der USA, die zugleich in Moskaus ureigener Interessenzone wildern: in Zentralasien, im Kaukasus, in der Ukraine.

Putins Verdruss

Die Amerikaner wiederum verfolgen mit wachsendem Argwohn, wie Putin ihren Zielen schadet. Der Kremlchef beharrt auf atomaren Geschäften mit Iran, nimmt Teheran öffentlich dessen friedliche Gesinnung ab; er beliefert China und Syrien mit Waffen, gängelt die Medien, benutzt die russische Justiz, um im Fall Yukos zu reüssieren.

Und er sperrt russische Ressourcen weitgehend vor dem Zugriff internationaler Konzerne. All dies befeuert das Misstrauen in Washington, das sein Symbol findet im Jackson-Vanik-Gesetz, das noch aus der Zeit des Kalten Krieges stammt und den Handel zwischen den USA und Russland nach wie vor beschränkt - zum großen Verdruss Putins.

So tief geht der Riss, dass der republikanische Senator John McCain fordert, Russlands Mitgliedschaft in der mächtigen Gruppe der G-8-Staaten auszusetzen. Taugt also nun das Anti-Terror-Abkommen als Kitt?

Wäre da nicht Putin

Eine Konfrontation mit Moskau kann sich selbst Washington nicht leisten. Die einstige Supermacht Russland ist zwar längst von der Geschichte zurückgestuft worden zu einer Mittelmacht im Besitz atomarer Waffen. Und doch ist das riesige Reich noch immer bedeutend genug, dass die Welt von einem russisch-amerikanischen Gleichschritt profitieren würde.

Im Nahen Osten, wo Russland Teil des internationalen Quartetts ist, im UN-Sicherheitsrat, wo Moskau Sanktionen gegen Iran oder den Sudan blockieren könnte, im Kampf gegen die Verbreitung von atomwaffenfähigem Material.

Die Einsicht Bushs, im globalen Geflecht künftig mehr auf den Rat anderer zu hören, könnte auch der Ansatz sein für einen neuen tragfähigen Dialog, für ein strategisches Bündnis mit Moskau. Wäre da nicht Putin.

Fehlende außenpolitische Klammer

Während der moralisierende US-Präsident seine Vision einer demokratischen Welt mit den USA als Primus verfolgt, fehlt seinem russischen Kollegen bisher eine langfristige außenpolitische Klammer. Der Kremlchef bemüht sich zwar, seinen Anspruch als weltpolitischer Akteur zu zementieren.

Doch der konzeptionelle Mangel der russischen Außenpolitik hat den Einfluss Moskaus deutlich geschwächt, und zuletzt hat der russische Bär eher den Eindruck eines angeschlagenen Schwergewichts gemacht, der noch einmal reflexartig mit den Pranken um sich schlägt.

Symbolträchtig haben die Ereignisse in der Ukraine bewiesen, wie groß die Anziehungskraft westlicher Demokratien ist - und wie gering die der Moskauer Führung.

Gemeinsamer Anti-Terror-Kampf

Dies ließe sich ändern, dazu aber müsste sich Putin neu aufstellen, Russland als Marktplatz einer freien Wirtschaft ohne staatliche Kujonierung etablieren, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie forcieren anstatt zurückzudrehen. Nur so könnte sich das Land auf Dauer attraktiver machen, in der Region und auch weltpolitisch.

Bereits die wenigen Wochen seit dem Regimewechsel in Kiew haben gezeigt, dass Freiheit kein abstrakter Begriff ist, sondern sich auch auszahlt in Dollar und Euro. Das Wirtschaftspotenzial zwischen den USA und Russland ist bei weitem nicht ausgeschöpft, und Putin täte im nationalen Interesse gut daran, das beiderseitige Verhältnis nicht hauptsächlich auf den gemeinsamen Anti-Terror-Kampf zu beschränken.

20 Jahre nach dem Beginn von Perestrojka und Glasnost stehen die einstigen System-Antagonisten vor einer schwierigen Wegmarke. Der gemeinsame Kampf gegen den Terror ist ein wichtiges Fundament. Eine glaubwürdige, strategische Rolle im globalen Sicherheitssystem kann Russland jedoch umso mehr spielen, je deutlicher es sich zur Demokratie bekennt. Das hat auch US-Präsident Bush klar gemacht, vor dem Gipfel in Bratislava.

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(SZ vom 25.02.2005)