Der Bundespräsident spricht deutsch in der Knesset und verbreitet dabei Allgemeinplätze. Er hat nichts Unrichtiges gesagt. Aber man hätte sich einen Präsidenten gewünscht, über den man nach einer wichtigen Rede mehr sagen könnte, als dass er nichts Falsches gesagt hat.
Vor zwölf Jahren machte eine Wochenzeitung den Vorschlag, Ignatz Bubis, damals Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, solle als Bundespräsident kandidieren.
Bundespräsident Köhler - man hätte sich mehr erwartet. (© Foto: AP)
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Manche Leser diskutierten über die Idee mit großem Ernst und beträchtlicher Wut, andere mit Ironie, wieder andere machten sich mit Schmähungen Luft. Symptomatisch aber war, so sagt Wolfgang Benz, Professor für Antisemitismusforschung in Berlin, eine Zuschrift, in der es hieß: "Er wird immer ein Fremder unter uns bleiben, und wenn Sie noch so wundersame Dinge über ihn erzählen, dass einem die Augen tränen."
Der Satz beruht auf dem alten ausgrenzenden Vorurteil, das Juden als ewig Fremde definieren will.
Ignatz Bubis ist bekanntlich nicht Bundespräsident geworden, er hat auch nicht kandidiert. Solche Vorurteile aber, wie sie damals auf diesen Vorschlag hin zum Vorschein kamen, begleiten einen Bundespräsidenten, wenn er nach Israel reist.
Er kennt diese Vorurteile, er kennt auch die Forderung, dass nach sechzig Jahren "endlich" Normalität in den Beziehungen zu Juden und zu Israel einziehen solle.
Und er kennt wohl auch die berührende Antwort, die Salomon Korn einmal darauf gegeben hat: "Nach dem, was geschehen ist, ist es durchaus normal, dass wir heute noch nicht normal miteinander umgehen können."
Die Rede eines deutschen Bundespräsidenten vor der Knesset wird nie etwas Normales sein. Vor fünf Jahren war Bundespräsident Johannes Rau der erste, der an dieser Stelle deutsch geredet hat.
Gut gemeint
Deutsch gesprochen hat sein Nachfolger Horst Köhler nun auch; aber an die bewegende Kraft der Rede Raus hat er nicht anknüpfen können. Köhler hat nichts Unrichtiges gesagt.
Er hat Allgemeinplätze aneinander gereiht. Er hat es gut gemeint. Es ist ja richtig: Der Weg Deutschlands und Israels seit Ben Gurion und Adenauer war und ist "nicht einfach", der Kampf gegen den Antisemitismus "geht uns alle an", die politische Auseinandersetzung mit den Rechtsextremisten müssen wir "offensiv führen".
Wie sonst? Die jungen Leute beider Länder müssen sich "besser kennen lernen" , der Terror im Nahen Osten muss "ein Ende haben". Hätte ein Oberstudiendirektor, Hauptfach Mathematik, am Auschwitz-Gedenktag an seiner Schule diese Rede gehalten: man hätte ihn gelobt.
Aber Köhler ist kein Schuldirektor, sondern deutsches Staatsoberhaupt. Ihm stehen die geistigen Ressourcen dieses Landes zur Verfügung, er kann sich umfänglich beraten lassen, ist nicht auf die Pressspanplatten-Texte eines Referenten angewiesen, der gutwillig gängige Gedanken und Formeln zusammenfügt. So wird aus Gedenken das Ritual, das es nicht werden darf.
Ach ja, auch dies hat Köhler gesagt: Das "deutsch-israelische Wirtschaftspotential" sei noch nicht ausgeschöpft und in beiden Ländern seien mutige Unternehmer "gefragt".
Gefragt wäre auch ein Präsident, über den man nach einer wichtigen Rede mehr sagen könnte, als dass er nichts Falsches gesagt hat.
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
(SZ vom 3.2.2005)
Russland unter Putin