Das Drama von Madrid zeigt, dass der Kampf gegen den Terror nicht aussichtslos ist.
Eine Woche vor dem christlichen Erlösungsfest fühlt sich Europa im Würgegriff des Terrors: In Madrid jagen vier islamische Extremisten sich selbst und ein ganzes Wohnhaus in die Luft. An einer Bahnstrecke nach Sevilla wird ein Sprengsatz entdeckt. In Italien überprüft die Polizei 160 mutmaßliche Islamisten.
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Zugleich tauchen allenthalben Unheildrohungen auf, wie giftige Blasen aus einem Sumpf. Ein im Internet kursierendes Al-Qaida-Papier ruft dazu auf, "die Länder der Gotteslästerer in Kriegszonen zu verwandeln".
Und ein jetzt bekannt gewordener Video-Appell predigt gar die Zerstörung Roms. Ein Angriff auf diese historische Hauptstadt der christlichen und der westlichen Welt wäre an Symbolkraft kaum zu überbieten. So diffus die Bedrohung der Terroristen auch erscheint, so klar ist - gerade vor Ostern - ihre Botschaft. Tod statt Auferstehung, Hass statt Liebe, Rache statt Vergebung und vor allem: Angst statt Erlösung. "Fürchtet Euch nicht", so heißt es immer wieder im Buch der Christen. "Fürchtet Euch", so klingt der Ruf der Extremisten.
Nun liegt es an Europa, sich diesem Angriff auf seine Seele zu verschließen. Die Europäer müssen die Gefahr erkennen, ohne sich von ihr übermannen zu lassen. Im Kalkül der Terroristen ist die Angst die zentrale Waffe. Mit dieser wollen sie, wie bei den Anschlägen auf die Pendlerzüge in Madrid, die moderne Gesellschaft treffen, wo sie am verwundbarsten ist: bei Bewegung, Austausch, Kommunikation. Menschen, die sich nicht mehr zu fliegen trauen, die U-Bahnen meiden, Massenveranstaltungen umgehen oder eine Reise nach Rom stornieren - sie handeln verständlich und erfüllen zugleich die Wünsche der Feinde. Diese wollen das öffentliche Leben lähmen, wie das im Mittelalter der Pest gelang.
Ein Stück weit liegt es also in der Hand jedes Einzelnen, die Pläne der Gewalttäter zu durchkreuzen. Das erfordert einen Mut, den die Rundum-Sorglos-Gesellschaften vielleicht erst wieder lernen müssen. Gewiss: Die EU-Staaten müssen zuallererst ihre harten Waffen gegen den globalen Terror schärfen. Polizei, Geheimdienste und, für Auslandseinsätze, auch das Militär. Dass sie dazu in der Lage sind, zeigen die jüngsten Fahndungsaktionen der spanischen und italienischen Polizei. In Madrid gelang es den Ermittlern sogar, den Drahtzieher der Terroranschläge vom 11. März zu stellen.
Die vielen Terrormeldungen der vergangenen Tage lassen sich also nicht nur negativ interpretieren: Sie zeigen, dass die Staaten nunmehr auf der Hut sind und immer wieder eingreifen, bevor es zu spät ist. Nur: harte Abwehr reicht nicht aus. Die Terroristen zielen zunehmend auf "weiche Ziele" - auf das Leben der gewöhnlichen Bürger.
Sie müssen auch mit weichen Waffen zurückgeschlagen werden: Zivilcourage, Gelassenheit, Beharrlichkeit, Selbstvertrauen, auch Trotz. Man mag von geistiger Gegenwehr sprechen - oder von psychologischer Kriegsführung. Eine Gesellschaft, die sich nicht einschüchtern lässt, die Opfer aushält und ihr offenes Leben weiterlebt, ist vom Terror nicht zu besiegen.
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(SZ vom 5.4.2004)