Von Von Gerd Kröncke

Selten in den letzten Jahren hat ein Thema die Franzosen so bewegt wie der Einfluss, den religiöse Traditionen auf das öffentliche Erscheinungsbild haben.

Jacques Chirac hat sich schwer getan. Der Präsident wartete lange, holte mit Gründlichkeit die Meinungen derer ein, die über das Problem nachgedacht haben, und seine Intervention kommt nicht zu früh. Er hat sich entschlossen, einer gesetzlichen Regelung das Wort zu reden. Im öffentlichen Raum, besonders in der Schule, soll das "aufdringliche Zurschaustellen" religiöser Symbole verboten sein. Der Foulard, also das islamische Kopftuch, die jüdische Kippa und das christliche Kreuz, soweit es über ein dezentes Schmuckstück hinausgeht, sollen untersagt sein.

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Selten in den letzten Jahren hat ein Thema die Franzosen so bewegt wie der Einfluss, den religiöse Traditionen auf das öffentliche Erscheinungsbild haben.

Drei bis fünf Millionen Muslime leben in Frankreich, und keine politische Partei kann es sich leisten, dieses Stimmenpotential zu vernachlässigen. Sie sind Franzosen, die meisten zumindest, aber so richtig gehören sie noch immer nicht dazu. Die tägliche Ausgrenzung einer beträchtlichen Minderheit mag der Grund dafür sein, dass es zu dem Dauerstreit um das Kopftuch kommen konnte.

Die Laizität ist nicht verhandelbar. Das blieb die ständige Botschaft des Präsidenten der Republik. Der Staat ist neutral, die Religion bleibt Privatsache des Bürgers. Nur in den Ferien lässt sich der französische Präsident, und dann auch durchaus gerne, beim Besuch der Messe fotografieren.

Dann ist er Kirchgänger im tiefen Frankreich und Christ unter Christen. Im republikanischen Alltag aber hat der Liebe Gott nichts zu suchen. Die Republik ist neutral und, seit der im Jahr 1905 festgeschriebenen Trennung von Kirche und Staat, werden daran keine Zweifel hingenommen.

Vor einem Jahrhundert glaubte die Republik sich vor dem Zugriff der katholischen Kirche schützen zu müssen. In einem Land mit katholischer Mehrheit wurde der Klerus als Bedrohung empfunden. Es brauchte danach viele Jahre, bis die Kirche zu einem unverkrampften Verhältnis zum Staat zurückfand.

Heute ist der Islam die zweite Religion im Lande. Die bürgerliche Regierung, die im Frühjahr einen muslimischen Rat ("Conseil français du culte musulman") installierte, versucht einen französischen Islam zu fördern, der mehr als ein Islam in Frankreich ist. Geradezu eifersüchtig wird dies von katholischen Würdenträgern als Beförderung des Islam zur Staatsreligion beargwöhnt.

Aber den islamistischen Fundamentalisten reicht das trotzdem nicht. Sie sind es, die heute, so wie die Katholiken vor hundert Jahren, ihre Schwierigkeiten mit der weltlichen Republik haben. Sie nutzen die demokratischen Spielregeln gegen den Staat. Das Kopftuch, das besonders von der Linken zunächst als folkloristische Tracht akzeptiert war, hat sich als ein Symbol der Spaltung erwiesen.

Der Foulard, dieses scheinbar harmlose Stück Tuch, das in Deutschland eher Ausdruck einer kulturell religiösen Identität ist, wird in Frankreich längst als religiös politisches Symbol verstanden. Die jungen Mädchen, die so verhüllt zur Schule gehen, werden in vielen Fällen von Männern im Hintergrund gegängelt.

Diese dunklen Herren nutzen ein Vakuum. Frankreich ist die Integration vieler der Zugewanderten nicht gelungen. Sie mögen einen französischen Pass haben, aber sie sind keine Citoyens. Obwohl als Wähler umworben ist noch kein Franzose muslimischer Herkunft ins Parlament gewählt worden. Immerhin hat Chirac, mit seinem Sinn für Symbole, die junge Tokia Saïfi in seine Regierung berufen.

Die macht zwar in ihrem Ressort (erneuerbare Energien) keine Schlagzeilen, war aber die erste Muslimin mit Ministerrang. So eine weiß wie es in den Vorstädten aussieht, wo die Freiheit nichts nützt, die Gleichheit Armut bedeutet und von Brüderlichkeit keine Rede sein kann.

Chiracs Rede im Elysée ist ein weiterer Versuch zur Integration. Aber er und seine Regierung bewegen sich auf einem schmalen Grat. Wenn Musliminnen am Schulbesuch gehindert würden, darauf hat die Friedensnobelpreisträgerin Schirin Ebadi hingewiesen, dann wäre das ein Triumph für die Fundamentalisten, die sowieso dagegen sind, dass Mädchen zur Schule gehen.

Doch wenn der Foulard akzeptiert würde, hätten die Fundamentalisten erst recht gewonnen. Wo also liegt die Grenze? In einer Kleinstadt bei Lille wurden soeben separate Öffnungszeiten für muslimische Frauen im Hallenbad wieder abgeschafft.

Es waren die französischen Sozialisten, die am ehesten dazu neigten, die muslimischen Dogmatiker zu hofieren. Doch selbst die französische Rechte war gespalten. Innenminister Nicolas Sarkozy, der Mann mit eigenen Präsidentschaftsambitionen, wollte den Muslimen gesetzliche Regelungen ersparen, wünschte sich gar positive Diskriminierungen für Muslime.

Parteichef Alain Juppé hingegen, immer loyal gegenüber dem Präsidenten, riet zur gesetzlichen Regelung. Ein Tuch ist mehr als ein Stück Stoff. Chiracs Vorstoß ist nicht ohne Risiko.

Die Mehrheit der Lehrergewerkschaften hatte noch versucht, vor der "Stigmatisierung eines Teils der Bevölkerung" zu warnen. Aber der Präsident musste Farbe bekennen. Seine Entscheidung, so kann er nur hoffen, wird Klarheit schaffen. Der republikanische Pakt, die Einheit und die Gleichheit aller Franzosen dürfen nicht zur Disposition stehen.

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