Ein "Bündnis für Erziehung" nur mit den beiden christlichen Kirchen einzugehen, ist von der Familienministerin mindestens naiv, wenn nicht taktlos.
In seiner ebenso nüchternen wie provokanten Art definierte der Soziologe Niklas Luhmann die Erziehung als "Geschäft der Trivialisierung des Menschen". Wer einen anderen erzieht, der versucht, ihm den richtigen Weg zu weisen, ihn aufs richtige Gleis zu setzen.
Ursula von der Leyen stößt Atheisten und anderen Glaubensgemeinschaften mit ihrem Bündnis mit den christlichen Kirchen vor den Kopf. (© Foto: dpa)
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Das engt den Spielraum des Zöglings unweigerlich ein.
Diese "Trivialisierung" ist indes gar nicht zu beklagen, wenn sie einem Kind am Ende zu eigener Kraft und Freiheit verhilft. Das hinzubekommen ist bekanntlich nicht leicht - und das Thema denkbar ungeeignet für unüberlegte politische Aktionen.
Mit ihrem "Bündnis für Erziehung" jedenfalls hat es sich Familienministerin Ursula von der Leyen zu leicht gemacht. Ihr Ansatz ist trivial im schlechten Sinne.
Einfach die Vertreter der beiden christlichen Kirchen um sich zu scharen, weil die doch etwas von Werten verstünden, ist mindestens naiv, wenn nicht taktlos.
Zweifellos leisten katholische und evangelische Kindergärten, Schulen und soziale Einrichtungen wichtige Dienste und oft vorbildliche Arbeit; gewiss kann der christliche Glaube das Fundament einer guten Erziehung sein.
Doch Vertreter anderer Religionen und Atheisten hat die Ministerin brüskiert. Sie hätten von vornherein eingebunden werden müssen - wer eine bessere Integration verlangt, muss im "Bündnis für Erziehung" mit gutem Beispiel vorangehen.
In der liberalen Gesellschaft können und dürfen die (christlichen) Kirchen die Wertebildung nicht für sich monopolisieren.
Gebläse für warme Worte
Das ist aber noch nicht der einzige Konstruktionsfehler des Bündnisses. Die Gefahr ist groß, dass daraus nicht viel mehr wird als ein Gebläse für warme Worte.
Im schlimmsten Fall entfaltet sich einmal mehr ein unergiebiger Kulturkampf um das Erbe der 68er-Generation und ihres Widerstands gegen Autoritäten.
Alle paar Jahre ertönt der Ruf nach mehr "Mut zur Erziehung". So hieß 1978 eine Erklärung, in der Robert Spaemann, Hermann Lübbe und andere konservative Intellektuelle eine Rückkehr zu den alten Tugenden des Fleißes und der Disziplin forderten.
Diese Schlachten sind nun längst geschlagen - schließlich leugnet heute kaum jemand ernsthaft, dass Kinder und Jugendliche auch Grenzen und Orientierung benötigen. Lehrer und Eltern dürfen nicht darüber hinwegsehen, wenn Kinder die Schule schwänzen oder Gewaltfilme schauen.
Altbackene Parolen
Aber mit altbackenen Parolen für Zucht und Ordnung sind die sozialen Nöte, die hinter vielen Erziehungsproblemen stecken, sicher nicht zu lösen. Einen allgemeinen Erziehungsnotstand gibt es nur in der Phantasie ergrauter Kulturpessimisten.
Werte wie Respekt, Vertrauen und Aufrichtigkeit, wie sie nun von der Familienministerin beschworen werden, sind den meisten Heranwachsenden keineswegs fremd. Bedenkt man, wie wild es in der Welt der Erwachsenen oft zugeht, wundert man sich zuweilen, wie brav die Mehrzahl der Jüngeren ist und wie stark sie traditionelle Werte hochhält.
Alarmierend ist aber die wachsende Distanz zwischen intakten Familien (ob nun klassische oder als "Patchwork" gegründete), und unbelasteten Schulen auf der einen Seite - und den verwahrlosten Kindern in belasteten Familien und zu Restschulen degradierten Bildungseinrichtungen auf der anderen Seite.
Mit einem Appell, Aufrichtigkeit als Wert zu pflegen, ist den Lehrern und Schülern der Rütli-Schule in Berlin kaum geholfen. Viele Jugendliche in den Hauptschulen der Großstädte sehen für sich in voller Aufrichtigkeit keine Chance, es in dieser Gesellschaft zu etwas zu bringen.
In Deutschland wächst eine gespaltene "Erbengeneration" heran.
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