Die neue Rechtschreibung gibt es gar nicht, sonder nur eine Vielzahl einander widersprechender Varianten. Durchsetzen wird sich, was sinnvoll ist.
Die Sprache ist ein wunderbares Ding. Sie währt länger als jeder einzelne, und sie ist doch in jedem einzelnen anwesend und geht ihm nicht verloren. Sie birgt eine Überlieferung, die Jahrhunderte und Jahrtausende zurückreicht.
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In ihr sind die Erfahrungen und Gedanken vieler Generationen aufbewahrt, ohne dass dadurch die Verständlichkeit auch nur eines Wortes litte. Ihre Regeln funktionieren beinahe wie ein inneres Organ. In der Sprache ist Geschichte gegenwärtig, so gegenwärtig wie nirgendwo sonst in der Gesellschaft.
Als die Kultusminister der deutschen Länder vor Jahrzehnten eine Kommission von Linguisten damit beauftragten, die Schriftsprache zu vereinfachen, unter scheinbar undeutlichen, ja widersprüchlichen Regeln aufzuräumen und so ihren Beitrag zur Aufhebung aller Klassen- und Bildungsunterschiede zu leisten, war ihnen das Wissen um das innige Verhältnis von Geschichte und Funktion abhanden gekommen - so wie es den Stadtplanern abhanden gekommen war, als sie ihre vermeintlich praktischen Vorstädte aus Beton und Asphalt errichten ließen.
Reform ist ein verkrüppelter Spätling
Entsprechend hochfliegend und gewaltig waren die Ansprüche an eine neue Schriftsprache, bis hin zur radikalen Kleinschreibung. Als die Reform der deutschen Orthographie im Jahr 1996 ins Werk gesetzt wurde, war sie zwar zu einem seltsam verkrüppelten Spätling, zu einem hinkenden Zwerg der linguistischen Sozialplanung verkommen.
Doch welchen Schaden sie dennoch anrichtete! Der Duden war der Sprachentwicklung bis dahin in gebührendem Abstand gefolgt. Nie hatte er ihr etwas vorgeschrieben. Die Reform aber wollte die innere Dynamik der Sprache nicht respektieren. Sie griff in das Verhältnis von Geschichte und Funktion ein und scheiterte, nicht nur einmal, sondern immer wieder.
Die neue Rechtschreibung, die gegenwärtig fast nur noch von den sozialdemokratischen Kultusministern verteidigt wird - es gibt sie gar nicht. Sie existiert nicht als das eine Werk der Reform, sondern nur in Gestalt von zahllosen, einander widersprechenden Varianten, Zwischenstadien und Hausschreibungen.
Wenn sich die deutsche Rechtschreibung heute in einem verwirrenden, ja desolaten Zustand befindet, wenn jeder in seiner Unsicherheit, was noch richtig und was schon falsch sein kann, die abenteuerlichsten Schreibweisen in die Welt setzt, dann ist das kein Zeugnis dafür, dass die neuen Regeln noch nicht beherrscht werden. Sondern vielmehr ein Beleg dafür, dass hier etwas von außen geregelt werden sollte, was sich nur von innen entwickeln kann.
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