Der General hat sich mit einem Kanonenschlag eingeführt. John Abizaid, der als Nachfolger des knorrigen Tommy Franks nun für den Irak verantwortlich zeichnet, hat das Unsagbare gesagt, hat das G-Wort ausgesprochen: Amerika steckt in einem Guerillakrieg.
(SZ vom 18.7. 2003) - Niemand in Washington hatte das vorher einzuräumen gewagt, keiner wollte an ein Trauma rühren, jeder dementierte das so heftig wie er konnte, und am heftigsten hatte dies vorige Woche noch Donald Rumsfeld getan.
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Wenn sich nun des Ministers General so forsch nach vorne wagt, dann dürfte mehr dahinter stecken als ein bloßes Kommunikationsproblem: Es kann sich um höhere Einsicht handeln - oder um hochgradige Hilflosigkeit.
Zunächst zu den Fakten: Jeden Tag sterben im Irak US-Soldaten bei Angriffen aus dem Hinterhalt. Mitte dieser Woche wurde der 147. Tote dieses Krieges in die Opferliste eingetragen - und diese krumme Zahl ist magisch. Denn 147 amerikanische Soldaten waren im Golfkrieg anno 1991 gefallen. Das war damals die Endbilanz eines glorreichen Sieges.
Heute ist es bloß die blutige Zwischenbilanz. Nach oben erscheint plötzlich wieder alles offen - und das, nachdem der Präsident, dem man damals noch alles glaubte, gleichsam ex cathedra, also von Bord eines Flugzeugträgers aus, schon am 1.Mai den Sieg und das Ende der Kampfhandlungen verkündet hatte.
Auch auf diesem Feld tut sich also langsam ein Glaubwürdigkeitsproblem auf. Die US-Regierung muss ihren Bürgern und den zunehmend demoralisierten Soldaten erklären, warum plötzlich alles ganz anders ist als geplant, versprochen und verkündet.
Sie muss das Volk darauf vorbereiten, dass noch weiteres Blut fließen wird, dass noch viel Zeit vergeht bis zur Heimkehr der Truppen, dass noch viel Geld in den Wüstensand gesetzt werden muss. Das mag keiner hören in den USA, zumal doch vorher bei den Rumsfelds und Cheneys alles so einfach und so vielversprechend geklungen hatte.
Doch der Unterschied zwischen Dichtung und Wahrheit liegt in den Leichensäcken.
Deshalb ist die Regierung nun gezwungen, die Rhetorik wieder mit der Realität zu verknüpfen. Und nur im Zustand allerhöchster Erklärungsnot war es wohl erlaubt, dieses Gespenst, den bösen Geist von Vietnam, aus der Flasche zu lassen.
Zweifellos sind damit auch erhebliche Gefahren verbunden, denn die Erinnerung an eine schmachvolle Niederlage stärkt weder die Moral der Truppe noch die Opferbereitschaft an der Heimatfront.
Doch anders war es offenbar nicht mehr möglich, Dampf aus dem Kessel zu lassen. Nun also hat die heimtückische Bedrohung wenigstens einen Namen, und vielleicht, so hofft man wohl in Washington, lässt sie sich so besser fassen. In diesem Sinne kommt der abgetauchte Saddam Hussein noch einmal zu Ehren als Lieblingsfeind.
Zugespitzt könnte man sagen: Nie war er so wertvoll wie heute in der Versenkung - als Erzschuldiger und als Phantom, auf das ein ganzes Bündel von Fehlentwicklungen fokussiert werden kann.
Vorhang auf also für die wüstenbraune Hölle rund um Bagdad, für die Fedajin auf dem Ho-Chi-Minh-Pfad, für Saddam auf dem Weg zur Che-Guevarisierung.
Mit der Wirklichkeit hat allerdings auch dieser Erklärungsversuch made in Washington wenig zu tun.
So schmerzhaft die Angriffe für die Amerikaner auch sind - zu einem Guerillakrieg, der militärisch tatsächlich eine Herausforderung wäre, taugen die Nadelstiche im so genannten sunnitischen Dreieck um die irakische Hauptstadt herum quantitativ und qualitativ noch lange nicht.
Zudem lassen sich die alltäglichen Attacken nicht dem organisierten Widerstand einer homogenen Gruppe zuschreiben.
Da fingert in Wirklichkeit wohl eine Vielzahl von Grüppchen herum, die alle die US-Truppen vertreiben wollen - aber jeweils aus einem anderen Grund:
Die einen drängt es zurück in die unseligen Zeiten der Baath-Diktatur, die anderen vorwärts in einen fundamentalistischen Gottesstaat, und wieder andere drehen sich einfach im Kreis um die verhassten Besatzer herum.
Mit Vietnam ist dieses Szenario also gewiss nicht zu vergleichen - das war ein anderer Ort mit anderen Umständen in einer anderen Zeit.
Viel eher schon geht es den Amerikanern im Irak wie den israelischen Besatzungstruppen, die in den Palästinenser-Gebieten Terror und Sabotage zu gewärtigen haben.
Die größte Gefahr droht den amerikanischen Kriegsstrategen daher derzeit nicht im Irak, sondern zu Hause - also nicht im Militärischen, sondern im Psychologischen. Wie lange erträgt die Öffentlichkeit in den USA einen erklärten Frieden, der eigentlich ein unerklärter Krieg ist?
Die gewagte neue Sprachregelung vom Guerillakrieg ist als Befreiungsschlag gedacht, um mit dieser Worthülse einen Kampf weiterführen zu können, der voreilig als beendet und gewonnen dargestellt worden war.
Befreien werden sich die Amerikaner damit allein jedoch nicht von ihren Problemen im Irak.
Vielmehr braucht es nun nach dem psychologischen auch noch einen politischen Befreiungsschlag. Den Boden dafür bereitet derzeit Außenminister Colin Powell bei den Vereinten Nationen, wo plötzlich wieder über die Einbeziehung der UN in die irakischen Geschicke diskutiert werden darf. Die UN sollten mitmachen - aber sie dürfen sich nicht zu billig verkaufen.
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