Vielleicht ist es ja nur zu verständlich. Die Italiener haben schon fast alles - die besten Weine, schicksten Anzüge, eine blaue Grotte, Ornella Muti und den köstlichsten Büffelkäse.
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Und sie leben, nach eigener Überzeugung, sowieso im schönsten Land der Welt. Warum sollten sie sich da auch noch um eine gute Regierung kümmern? Die 58 Kabinette seit Kriegsende dienten dem Land häufig schlecht, die derzeitige Linksallianz nicht ausgenommen.
Der bizarre Wahlverlauf am Sonntag war passender Schlussakt einer Koalition, die zweimal den Premier auswechselte und sich in inneren Machtkämpfen zerrieb.
Berlusconi, der Verkäufer
Und nun also Berlusconi. Der Oppositionsführer hat die Wahl gewonnen, auch wenn sein Sieg nicht so glänzend ausfiel, wie von ihm selbst prophezeit.
Dieser Silvio Berlusconi muss ein guter Staubsaugervertreter gewesen sein. Denn der Mann kann verkaufen. In Italien hat er die Politik zum Werbeprodukt gemacht und bestens an die Leute gebracht. Seine Kampagne setzte nicht auf Köpfe, sondern auf Gesichter, vor allem auf sein eigenes.
Wolkige Versprechungen, dürftiges Programm
Dabei nutzte der Chef der Bewegung Forza Italia die Propagandamacht seiner drei nationalen Fernsehsender. Mit wolkigen Versprechungen und dürftigem Programm entschied er die Wahl. Die Verkaufsstrategie des Milliardärs: Der Schein bestimmt das Bewusstsein. Diesmal hat er Recht behalten.
Dabei lässt sich nicht einmal sagen, dass die Italiener nicht wussten, was sie wählen. Die Schwächen des Mailänder Multitalents sind seit langem bekannt. Sie liegen vor allem in seinem Verhältnis zur Demokratie.
Gefährliche Machtfülle
Fünf Gewalten versucht die moderne politische Mengenlehre auseinander zu halten: Regierung, Parlament, Justiz, Wirtschaft und Medien. Über vier kann künftig Berlusconi gebieten.
Als Ministerpräsident wird er die Regierung führen, als Führer des Koalitionsbündnisses Casa delle liberta die Gesetze machen, als Großunternehmer das Wirtschaftsleben prägen und als Mediengewaltiger die öffentliche Meinung formen. So viel Macht ist gefährlich, selbst wenn Berlusconi ein Engel wäre.
Doch ein Engel ist er nicht. Der Cavaliere, wie er in Italien genannt wird, ist in vielerlei Strafverfahren verstrickt. Die Vorwürfe reichen von Korruption bis zu Mafiakontakten und haben ihn zu wütenden Ausfällen gegen Richter und Staatsanwälte verleitet. Er hat bereits gedroht, der Justiz neue Regeln zu setzen - und greift damit auch noch nach der fünften Gewalt.
Postfaschisten und Rechtspopulisten als Partner
Dabei macht der Konzernherr den Italienern nicht einmal viel vor beim Thema Demokratie. Er hat angekündigt, das Land wie ein Unternehmen zu führen, was aus seinem Mund nur bedeuten kann: patriarchalisch.
Darüber hinaus präsentiert der künftige Premiermanager auch noch Partner, für die sich andere schämen würden - Gianfranco Finis Postfaschisten und Umberto Bossis Rechtspopulisten.
Mit ihnen ist er vor sechs Jahren schon einmal gescheitert. Seine neue Koalition wird nicht homogener sein als die alte. Weder der ehrgeizige Fini noch der launische Bossi, beide diesmal vom Wähler vernachlässigt, werden der Versuchung widerstehen, sich gegen den autokratischen Forza-Italia-Chef zu profilieren. Ein schnelles Ende von Berlusconi II ist also nicht ausgeschlossen.
Erfolg macht sexy
Trotz all dem haben ihm viele Italiener am Sonntag wieder vertraut. Um dies zu erklären, muss man wohl den Duft des Geldes kennen. Macht Erfolg sexy, so ist Berlusconi unwiderstehlich.
Vom Habenichts zu einem der reichsten Männer der Welt, eine solche Karriere ist blendend. Wer sich selbst so phantastisch managt, dachten wohl etliche Wähler, wird auch für das Land bella figura machen.
Hinzu kommt: Das reiche Italien ist noch immer arm an Bürgersinn. Der Staat wird gern als Gegner betrachtet, wenn nicht als Feind. Da muss ein Mann imponieren, der gewitzt bis gerissen ganz dem eigenen Vorteil lebt.
Und so finden es Berlusconis Anhänger nicht abstoßend, sondern clever, wenn sich ihr Idol mit Amnestien und Verjährung aus Strafaffären zieht.Der Mailänder Macher verkörpert für sie den Anti-Staat. Nun soll er für Italien Staat machen.
Wahlsieg mangels Alternative
Doch selbst ein Verkaufsgenie wie Berlusconi wäre wohl erfolglos geblieben, wenn die Alternative nicht so traurig gewesen wäre. Die Linke hat die Chance verpasst, aus einem verkrusteten Italien eine moderne Demokratie zu formen.
Dass das möglich gewesen wäre, hat ihr Premier Romano Prodi bewiesen. Ihm war es Mitte der neunziger Jahre entgegen aller Erwartungen gelungen, dem Land eine rigide Sparpolitik aufzuzwingen und es so in den Euro-Club zu führen.
Doch nach diesem Gewaltakt brachen in seiner Mitte-Links-Koalition alle Dämme. Prodi wurde gestürzt, die Politik verlor die großen Ziele aus dem Auge und versank wieder im traditionellen römischen Taktieren und Finassieren.
Dabei wissen Italiens Politiker, was das Land bräuchte: Eine Wahlrechtsreform, die erpresserischen Zwergparteien den Garaus macht. Eine Justizreform, die verhindert, dass Korrupte, Mörder und Mafiosi zu Hunderten durch Verfahrenstricks freikommen. Eine Medienreform, die die Meinungsfreiheit garantiert. Mit Berlusconi ist all dies kaum zu haben. Den Reformern drohen weitere verlorene Jahre. Ihnen bleibt nur der Trost aller Demokratien: Der nächste Wechsel kommt bestimmt.
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