Gibt es zwei Schweden? Ein Schweden, das so aussieht: Friedliche, humorvolle Menschen, die in idyllischen roten Holzhäusern leben, umgeben von viel Wald und viel Wasser. Und ein anderes Land mit gleichem Namen, in dem die Geheimpolizei zwielichtig und die Sozialdemokraten korrupt sind.
(SZ vom 12.09.2003) - Ein Land, zwei Bilder:
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Das erste, das heile Schweden. Die Sozialdemokraten, die seit Jahrzehnten regieren, haben einen beeindruckenden Wohlfahrtsstaat geschaffen und sorgen dafür, dass die Wirtschaft bestens funktioniert. Deutsche Politiker und Journalisten nehmen dieses Bild gerne auf, wenn sie in Talk-Runden über Schweden reden. Wichtige Teile dieses Bildes hat Astrid Lindgren erschaffen.
Das zweite Schweden spiegelt sich in den Krimis wider, die in Deutschland so gerne gelesen werden. Maj Sjöwall und Per Wahlöö haben in den sechziger Jahren angefangen, die dunklen Ecken dieses Musterstaates auszuleuchten. Sie schrieben über die unbewältigte Vergangenheit einer Gesellschaft, die sich im Zweiten Weltkrieg zwar neutral verhielt, aber dennoch Geschäfte mit den Nazis machte.
Henning Mankell hat an Sjöwall/Wahlöö angeknüpft. Sein melancholischer Kommissar Wallander muss sich mit einer wachsenden schwedischen Neonaziszene auseinandersetzen; mit skrupellosen Morden, bei denen Leuten die Haut abgezogen wird; mit Menschen, die psychische Probleme haben, weil sie dem Tempo nicht mehr gewachsen sind, das die Gegenwart, auch jene in Schweden, mittlerweile vorgibt.
Der schreckliche Mord an der jungen Außenministerin Anna Lindh - er könnte in der Phantasie schwedischer Krimi-Autoren entstanden sein. Aber diese Schriftsteller bilden natürlich ebenso wenig die ganze Wahrheit ab wie Astrid Lindgren. Die Wahrheit liegt wie immer in der Mitte.
Weit entfernt vom riesigen Heile-Welt-Bullerbü
Schwedens Gesellschaft funktioniert im Prinzip ganz gut, und die schwedische Demokratie gilt als eine der besten der Welt - obwohl die lange Herrschaft der Sozialdemokraten viel Abhängigkeit geschaffen hat. Filz ist undemokratisch.
Aber gerade weil die Gesellschaft so so stark westeuropäisch geprägt ist, bleibt Schweden weit davon entfernt, ein riesiges Heile-Welt-Bullerbü zu sein. Das "Volksheim", wie der Wohlfahrtsstaat genannt wird, existiert zwar noch, aber es knarzt an vielen Ecken und Enden:
Es gibt zu wenig Ärzte und Krankenschwestern, und sie sind unterbezahlt. Selbst Krebspatienten müssen lange auf Operationen warten. Und wer die Notaufnahme aufsucht, muss mitunter acht bis zehn Stunden die weiße Wand betrachten, bevor er behandelt wird.
Neonazis, die nur schwer zu identifizieren sind
Schweden wirkt auch dann nicht vorbildhaft, wenn es um die Integration von Ausländern geht, sei es in der Schule, am Arbeitsmarkt oder in der Wohnungspolitik; die Einwanderer leben meist in den Vororten und bleiben dort unter sich.
Stockholm macht unter den europäischen Großstädten keine Ausnahme: Es gibt Organisiertes Verbrechen, Drogenhändler, Schießereien und brutale Schlägereien. In Schweden leben viele Neonazis, die nur noch schwer zu identifizieren sind.
Früher zeigten sie sich mit kahlrasiertem Schädel und in Bomberjacken, so, wie es Mankell in seinem Roman "Die Rückkehr des Tanzlehrers" beschrieben hat. Jetzt kleiden sie sich wie andere.
Waffen werden auch in Krisengebiete geliefert
In Teilen der Bevölkerung ist Rassismus latent vorhanden und wird nur deshalb nicht gezeigt, weil es die politische Korrektheit verbietet. Doppelmoral ist ein Etikett, das der schwedischen Gesellschaft immer wieder angehängt wird, manchmal nicht zu Unrecht. Schweden gehört zu den größten Waffenexporteuren der Welt. Die Lieferungen gehen auch in Krisengebiete.
Ist dieses brüchige Bild auch in den Köpfen der Schweden angekommen? Denn darum geht es in erster Linie: um das Selbstbild der Schweden. Wer nämlich glaubt, fast alles sei in Ordnung, der ist nicht achtsam.
Die Außenministerin Anna Lindh hatte keinen Personenschutz, als sie im Kaufhaus niedergestochen wurde - vier Tage vor der Volksabstimmung über die Einführung des Euro war das leichtfertig. Die Gemüter im Land sind entsprechend erhitzt.
Palmes Mörder läuft immer noch frei herum
Anna Lindh war eine der profiliertesten Euro-Befürworterinnen. Sie war in Gefahr, und es ist nach ihrem Tod fast schon unerheblich, ob der Mord im Kaufhaus nun politisch motiviert war oder nicht. "Dass die Sicherheitspolizei keine bessere Kontrolle über führende politische Personen hat, ist beklemmend", schrieb der Staatswissenschaftler Stig Hadenius in einem Zeitungsbeitrag.
Nur der König und der Regierungschef genießen allzeit Personenschutz - und das auch nur, weil vor 17 Jahren Olof Palme ermordet worden ist.
Palmes Mörder läuft immer noch frei herum. Bei den Ermittlungen gab es Fehler und bei ihrer Aufarbeitung Ungereimtheiten. Der Palme-Mord wirkt immer noch nach in der schwedischen Gesellschaft. "Vielleicht sind die Spannungen größer,als wir glauben wollen"
Er hat zumindest den älteren Schweden die Sicherheit genommen, den Glauben daran, dass der Staat alles im Griff habe. Aber achtsamer sind die Menschen deshalb nicht geworden. Sie leben weiterhin in dem trügerischen Gefühl, alle Schweden seien eine große Familie, in der Mord und Totschlag gar nicht vorkommen können.
Die Zeitung Dagens Nyheter schrieb am Donnerstag: "Vielleicht sind die Spannungen in unserer Gesellschaft größer, als wir glauben wollen." Das kommt der Wahrheit ziemlich nahe.
(sueddeutsche.de)
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