Von Sven Böll

Volkswagen will bis 2008 mehr als jeden zehnten Arbeitsplatz abbauen. Besonders hart trifft es den teuersten Standort im Konzern, Wolfsburg. Auch am Stammsitz des Autobauers hat man jetzt offenbar das begriffen, was in vielen Betrieben längst Realität ist.

Ein Arbeiter im Wolfsburger VW-Werk hat wenig Grund zu klagen: Er verdient gut 20 Prozent mehr als ein normaler niedersächsischer Metallarbeiter. Und er hat ein Fünftel mehr in der Tasche als sein Kollege, der bei der Konzerntochter Audi in Ingolstadt arbeitet. Unterm Strich verdient ein Facharbeiter bis zu 43.000 Euro pro Jahr als Grundgehalt, steuerfreie Schichtzuschläge nicht eingerechnet. Die Wochenarbeitszeit liegt bei unter 29 Stunden.

VW in Wolfsburg

Am VW-Stammwerk in Wolfsburg ziehen dunkle Wolken auf (© Foto: dpa)

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Das sind absolut paradiesische Zustände. Jeder, der sich nach einem neuen Golf umschaut, weiß, wohin diese Konditionen geführt haben. Denn mit diesem Himmel auf Erden ist Wolfsburg der teuerste Standort im Konzern. Deshalb fordert der Vorstandsvorsitzende Bernd Pieschetsrieder, auch am Stammsitz müsse endlich wieder wettbewerbsfähig produziert werden. Im Klartext: Es sollen mehrere tausend Stellen abgebaut und die Kosten für die verbleibenden Mitarbeiter gesenkt werden.

Offiziell verteidigen die Gewerkschaften die Festung "Haustarifvertrag" mit allen Mitteln und laufen gegen jegliche Lohnkürzung Sturm. Besonders gut kann das der IG-Metall-Vorsitzende Peters. Doch intern haben viele die Zeichen der Zeit längst erkannt. So hat der VW-Betriebsrat bereits vor einigen Jahren dem berühmten Modell 5000 mal 5000 zugestimmt. Dies gilt heute als Vorbild bei VW. 5000 Mark (gut 2500 Euro) verdienen die Arbeiter pro Monat - bis zu 30 Prozent unter Haustarifvertrag, aber immer noch ein ordentliches Gehalt.

Ein weiterer Schritt in die Realität

Außerhalb des Haustarifvertrags will VW-Markenchef Wolfgang Bernhard auch den neuen VW-Geländewagen bauen lassen. Er erhofft sich damit Einsparungen von bis zu 1000 Euro pro Fahrzeug. Ansonsten droht der Vorstand mit der Produktion des neuen Hoffnungsträgers in Portugal. Dann würde die VW-Produktion in Deutschland unter eine Million Fahrzeuge pro Jahr sinken, eine historische Zäsur.

Doch soweit wird es nicht kommen. Das alte VW-Modell "Konsens statt Kündigung" ist zwar endgültig vom Tisch. Aber niemand in Wolfsburg - auch die Arbeitnehmerseite nicht - hat ein Interesse an der Verlagerung ins Ausland. Bereits heute ist der Stammsitz nur zur Hälfte ausgelastet.

Mit der absehbaren Kostensenkung gehen die Wolfsburger einen fast schon alltäglichen Weg: Denn Lohnverzicht von Arbeitnehmern zur Standortsicherung ist in deutschen Unternehmen längst die Regel. Sei es bei Opel in Rüsselsheim und Bochum, bei Siemens in Kamp-Lintfort und Bocholt, bei Karstadt-Quelle bundesweit oder bei zahlreichen mittelständischen Unternehmen im Osten, Westen, Norden und Süden. Den meisten Arbeitnehmern ist ein sicherer Arbeitsplatz mit geringerem Verdienst lieber als der Gang in die Arbeitslosigkeit - wenn auch mit erhobenem Haupt.

Der Trend zur Senkung der Produktionskosten und damit auch zum Abbau von tarifvertraglichen Privilegien dürfte sich in den kommenden Jahren noch verstärken: Bereits heute sind in Westdeutschland nur rund 45 Prozent und in Ostdeutschland sogar nur 25 Prozent der Betriebe an den Tarifvertrag gebunden. Und nur die Hälfte der ungebundenen Unternehmen orientiert sich noch an den Regelungen des Tarifvertrags. Die Realität in vielen Betrieben ist der Diskussion in Wolfsburg schon voraus.

Das hat man jetzt offenbar auch im niedersächsischen Paradies begriffen.

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(sueddeutsche.de)