Kommentar Bush am Boden

Der amerikanische Präsident erlebt den Tiefpunkt seiner Amtszeit - und Washington kommt zur Besinnung.

Von Von Christian Wernicke

George W. Bush muss sich zur Zeit an eine einzige Hoffnung klammern: Dass er soeben das tiefste Tal seiner Präsidentschaft erlebt, dass es ab sofort nur noch aufwärts gehen kann. Niemand, nicht einmal er selbst vermag bisher zu erkennen, über welchen Pfad seine Regierung demnächst neue Höhen erklimmen könnte. Er weiß nur: Dort, wo er jetzt angekommen ist - am Tiefpunkt seiner Karriere nämlich - kann und darf er nicht stehen bleiben. Denn dann würden Amerika und der Rest der Welt weiterhin einen Präsidenten erleben, der schlicht unfähig ist, die Geschicke der mächtigsten Nation auf Erden zu lenken.

Präsident George W. Bush am 28. Oktober 2005

(Foto: Foto: Reuters)

Dies ist ein Mann, der das Weiße Haus mehr und mehr in einen politischen Bunker verwandelt - und dem der radikale Flügel seiner republikanischen Partei den Kurs vorschreibt. Ein im Kern hohler Machtapparat, dessen innerste Zirkel vom Staatsanwalt gejagt und dessen wichtigste Personalentscheidungen von christlichen Fundamentalisten verflucht werden. Nein, ein schieres "Weiter-so" bedeutete innenpolitisch ein Fiasko, weil sich noch mehr US-Bürger von ihrer Regierung abwenden würden. Und obendrein fehlte einem daheim derartig geschwächten Präsidenten die Kraft, sich internationalen Problemen zu stellen.

Ohne klare, starke Impulse aus Washington wird nichts werden - weder aus dem siechen Friedensprozess im Nahen Osten noch aus den zähen Verhandlungen mit Nordkorea, wo Steinzeit-Kommunisten offenbar an einer Atombombe basteln. Schlimmer noch: Ein schwacher Präsident wäre nicht einmal in der Lage, im Irak den wenigstens halbwegs geordneten Rückzug anzutreten. Sicher, Bush hat seine Armee mit aller Macht in die Wüste geschickt. Um sie von dort wenigstens zu Teilen wieder herauszuführen, ohne das Land im völligen Chaos versinken zu lassen, wird einen ebenso starken Oberkommandierenden verlangen.

Dabei könnte Bush durchaus helfen, was ihm derzeit schadet. Wenn in Lewis Libby nun einer der finstersten Kriegstreiber vor Gericht gezerrt wird, verlieren jene neokonservativen Kräfte an Einfluss, auf die Bush viel zu lange hörte. Das dürfte auch die Stellung von Vize-Präsident Dick Cheney untergraben, Libbys bisherigem Chef. Cheney und dessen engster Gefährte Donald Rumsfeld im Pentagon waren es, die vor drei Jahren im Weißen Haus alle Bedenken gegen den Marsch auf Bagdad vom Tisch wischten. Mit dem unerwünschten Beistand eines Staatsanwalts sollte es dem Präsidenten jetzt gelingen, sich aus ihrer Umarmung endgültig zu befreien.

Eine an sich banale Affäre um eine widerrechtlich enttarnte CIA-Agentin bringt Washington zur Besinnung. Endlich. Aber die Logik des Rechts kann nicht die Vernunft der Mächtigen ersetzen: Bush muss die tiefe Krise, in der er steckt, als Chance zu einem neuen Anfang begreifen. Sonst erleben er und alle Welt jeden weiteren Tag seiner Amtszeit nur noch als Anfang vom Ende, als Stillstand am Tiefpunkt.