Von Peter Münch

In Afghanistan tötet die Nato viele Zivilisten, was schlimmer ist als obszöne Fotos deutscher Soldaten.

Diese Nachricht wird Afghanistan wirklich aufwühlen, denn solche Bilder sind es, die den Hass schüren auf die fremden Soldaten: Die Isaf, die als Friedenstruppe Krieg führen muss, hat bei Luftangriffen in der Südprovinz Kandahar nach eigenen Angaben mindestens zwölf Zivilisten getötet, afghanische Quellen sprechen von bis zu 80 Toten.

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Es war ein Blutbad zum heiligen Fest des Fastenbrechens, ein "Kollateralschaden", wie er leider fast wöchentlich vorkommt, ein Vorfall, der von der Nato zunächst geleugnet und dann mit Verspätung gewissermaßen als Fußnote zu den verkündeten Erfolgen im Kampf gegen die Taliban eingeräumt wurde.

Solche Meldungen aus Afghanistan finden selten ihren Weg in den Westen, zumal in Zeiten, in denen grässliche Fotos von Schädelschändern in deutschen Uniformen die Empörungslage dominieren.

Dann werden Diskussionen geführt über die Verrohung in Kriegen, eine Welle des Zorns wird heraufbeschworen und die Sicherheit der Bundeswehr in Frage gestellt.

Die üblichen Verdächtigen von rechts bis links, von Gauweiler bis Lafontaine, fordern den Rückzug der Armee. Dies sind gewiss notwendige Debatten, aber es sind, vor der Folie fremder Welten, auch sehr selbstbezogene.

Natürlich sind die Leichenschändungen unverzeihlich und die Fotos davon auch potentiell gefährlich. Sie könnten von islamistischen Aufpeitschern instrumentalisiert werden - aber das muss keinesfalls zum Aufruhr führen.

Erst geschossen, dann geschaut

Völlig klar ist jedoch, dass die - man kann es nicht anders nennen - amerikanisierte Art der Isaf-Kriegsführung im Süden Afghanistans verheerende Folgen hat.

Wenn erst geschossen und dann geschaut wird, muss die Bevölkerung unweigerlich die einst als Friedensbringer gefeierten Truppen als Besatzer empfinden. Aus dem Aufbäumen der Taliban kann so ein Aufstand der Bevölkerung werden.

Die Isaf läuft Gefahr, in die Falle der Taliban zu tappen, die sich im Süden unter der Zivilbevölkerung wie die Fische im Wasser bewegen und damit auch zivile Opfer provozieren.

Offenkundig fehlen der Nato, die bei ihren Mitgliedstaaten immer wieder fast flehentlich um Beistand bitten muss, die militärischen Mittel, den Kampf so zu führen, wie sie ihn selber für erfolgversprechend hält.

Jeder Isaf-Vertreter in Kabul trägt das Mantra vor, dass dieser Krieg nicht mit militärischen Mitteln allein zu gewinnen ist. Es ist viel die Rede vom Kampf um die Herzen und von einer Friedensdividende für die Bevölkerung. Doch wer bis zum Hals im Gefechtssumpf steckt, hat keine Hand frei für Aufbauarbeiten.

Die Isaf im Süden also braucht Verstärkung, nicht zuletzt aber muss sie auch ihre Art der Kriegsführung überprüfen und aufrichtig eigene Fehler eingestehen.

Der Krieg wird nicht gewonnen, wenn möglichst viele Taliban getötet werden. Aber er wird verloren, wenn die Afghanen sich von der Isaf abwenden. Dutzende zivile Opfer wiegen da noch weit schwerer als abstoßende Fotos.

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(SZ vom 28.10.2006)