Längere Laufzeiten für Atomkraftwerke - das klingt nach einer Lösung für die Energiekrise. Aber die Kernkraft ist ein Konzept von gestern.
Nirgends wäre es so einfach wie in der Energiepolitik. Nirgends sonst könnte die Bundesregierung so leicht beweisen, dass sie rasch reagieren kann. Steigende Strompreise ärgern Verbraucher. Russland spielt am Gashahn. Die Ölpreise sind hoch. Deutschlands Kernkraftwerke aber tun unbeeindruckt ihren Dienst, und sie könnten das noch lange, wäre da nicht dieser Atomkonsens, den Rot-Grün und Stromkonzerne einst schlossen.
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Regieren könnte so einfach sein: Nur ein kleiner Eingriff, eine Änderung des Konsenses, und die Kernkraftwerke könnten länger laufen. Deutschland würde unabhängiger von Russlands Rohstoffen und bekäme seine Strompreise in den Griff. Verheißen zumindest Unionspolitiker.
Wie beim Staffellauf haben in den vergangenen Tagen die Ministerpräsidenten unionsregierter Bundesländer - vornehmlich solcher mit Kernkraftwerken - das Thema von Hand zu Hand gereicht. Niedersachsens Christian Wulff startete in der nachrichtenarmen Woche vor Weihnachten: Angesichts wachsender Energiekosten sei der Atomausstieg hinfällig.
Bayerns Edmund Stoiber nahm das Thema auf und beatmete damit das Neujahrstreffen der CSU. Baden-Württembergs Günther Oettinger sekundierte bereitwillig, um den Stab an Hessens Roland Koch abzugeben, der sogar den Neubau von Kernkraftwerken nicht ausschloss. Und zuletzt mischte sich noch der saarländische Ministerpräsident Peter Müller ein: Bis 2009 solle kein Kernkraftwerk abgeschaltet werden, verlangte er.
Hauptsache sicher
Weil viele es fordern, wird es aber nicht vernünftiger. Klar, die Kernkraftwerke sind gebaut, und sie funktionieren. Ob sie nun, wie in Deutschland festgelegt, 32 Jahre lang laufen, ob 40 oder gar 60 Jahre, ist letztlich egal - Hauptsache sicher.
Und ein Endlager für atomare Abfälle, eine der ungelösten Aufgaben der letzten Regierung, braucht das Land so oder so. Doch die Fürsprecher der Atomkraft übersehen das zentrale Problem: Die Kernenergie ist ein Konzept von gestern, ein Konzept ohne Zukunft.
Naturgemäß sind Kernkraftwerke riesige Anlagen. Sie produzieren weit mehr Strom, als in ihrer Umgebung nötig ist. Also wird er über weite Strecken dorthin gebracht, wo ihn Haushalte, Handwerk und Industrie brauchen. Weil ein Kernkraftwerk nicht eben hübsch ist, steht es meist irgendwo in der Landschaft. Die Wärme, die es erzeugt, geht meist verloren, sie heißt wenig schmeichelhaft "Abwärme" und landet in Flüssen oder in der Luft.
Kernkraftwerke lassen sich auch nicht mal eben abschalten, wenn ihr Strom nicht benötigt wird, etwa nachts. Ein Kernkraftwerk läuft und läuft. Es gibt Länder, die Autobahnen beleuchten, damit der Strom überhaupt abgenommen wird. Energiesparen? Das ging doch irgendwie anders.
Die Versorgung mit klimaschonender Energie zählt zu den zentralen Fragen des 21. Jahrhunderts. Wie der Zufall es will, steht Deutschland zu Beginn des Jahrhunderts - auch wegen des Atomausstiegs - vor einer nie dagewesenen Erneuerung seines Kraftwerksparks. Rund die Hälfte der deutschen Stromerzeugung muss in den nächsten zwei Jahrzehnten erneuert werden.
Atomkraft ist unflexibel
Doch den gleichen Politikern, die Deutschland zu Innovationen auffordern, von Arbeitnehmern und Unternehmen Flexibilität verlangen und den Wettbewerb zum Prinzip machen, fällt zum Thema Energie nichts besseres ein als die Atomkraft: eine Technologie, die so unflexibel ist wie keine andere, deren Langzeitfolgen immer noch ungeklärt sind.
Die Abhängigkeit von russischem Gas erkannten Freunde der Atomkraft als Problem. Aber wie steht es mit der Marktmacht der vier Kernkraftbetreiber, die mehr als 80 Prozent des deutschen Stroms erzeugen? Die wiederholt Preise anhoben, obwohl die so kostengünstigen Kernkraftwerke fast alle noch laufen? Deren Einfluss würde durch längere Laufzeiten noch wachsen.
In- und ausländische Unternehmen, Stadtwerke und deren Verbünde investieren derzeit Millionen in neue Gas- und Kohlekraftwerke. Sie tun dies auch im Vertrauen auf politische Vorgaben wie den Atomausstieg. Wer den nun bei jeder Gelegenheit in Frage stellt, tut auch dem Investitionsstandort Deutschland keinen Gefallen.
Mehr noch: Oft handelt es sich bei den Neubauten um Kraftwerke, die ihre Umgebung mit Strom, aber auch mit Wärme versorgen, und so die eingesetzte Energie viel besser nutzen. Nicht nur die erneuerbaren Energien sollen die Kernkraft ersetzen, wie immer wieder suggeriert wird, sondern auch effizientere Gaskraftwerke und ein intelligenter, sparsamer Umgang mit Energie.
Die Menschheit schafft es, Tausende Flugzeuge unfallfrei durch die Luft zu lotsen. Da muss es auch möglich sein, dezentrale, auf das ganze Land verteilte Kraftwerke so zu steuern, dass es an Strom und Wärme nie und nirgends mangelt. Gas gibt es im Übrigen nicht nur aus Russland, sondern als Flüssiggas auch aus Nordafrika oder Nahost; neuerdings sogar aus heimischer biologischer Herstellung - ganz ohne die Risiken, die mit der Kernkraft auf Jahrtausende verbunden sind.
Es stimmt: Wächst die Weltwirtschaft weiter im Tempo vergangener Jahre, drohen ernste Engpässe in der Energieversorgung. Längere Laufzeiten für Atomkraftwerke, das klingt nach einer Lösung. Aber Atomkraft ist keine Lösung.
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
(SZ vom 10.01.2006)
Russland unter Putin