Von Von Joachim Käppner

Ein großer Teil der US-Truppen wird aus Deutschland abgezogen - damit geht geht ein Stück Nachkriegsgeschichte zu Ende. Die Freundschaft, die über Jahrzehnte durch Nähe entstanden ist, wird sich nun auf Distanz bewähren müssen.

In Mainz geriet der Mann ins Schwärmen, der später Saddam Hussein besiegen sollte und eher für sein cholerisches Gemüt als für schöngeistige Neigungen bekannt war: "Wir führten die Kinder durch die schmalen, mit Kopfstein gepflasterten Straßen der Altstadt, vorbei an allen möglichen kleinen Läden, und auf den großen Marktplatz mit dem Dom.

US-Truppen

Abflug: Ein großer Teil der US-Soldaten wird Deutschland verlassen. (© Foto: ddp)

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Dann gingen wir auf der Rheinpromenade spazieren und beobachteten die Vergnügungsdampfer, auf denen Familien und Liebespaare ihre Ausflüge unternahmen."

Jahrzehntelang führte fast jede bedeutende US-Militärkarriere über Deutschland, das vielen, verglichen mit anderen Einsatzorten rund um den Globus, als Idyll erschien - so wie die Stadt Mainz 1980 dem Standortkommandanten Norman Schwarzkopf, der elf Jahre später Oberbefehlshaber im Golfkrieg wurde.

Man war bei Freunden, bei solchen noch dazu, die besonders stolz auf ihre Treue zu den USA waren.

Politisch war diese Treue zur Schutzmacht ohnehin raison d'être aller bundesdeutschen Außenpolitik während des Kalten Krieges. Das Zusammenleben mit Hunderttausenden Amerikanern aber machte das Verhältnis zwischen beiden Völkern zur Geschichte einer außergewöhnlichen und nicht nur verordneten Freundschaft.

Die "kleinen Amerikas in Übersee", die typischen Siedlungen, Kinos und Straßenkreuzer, die vielfältigen Kontakte zwischen Deutschen und Amerikanern gehörten zum Alltag in Aschaffenburg und Erbenheim, Frankfurt und Berlin.

Es ist ein langer Abschied

Immerhin noch 70.000 von einst einer Viertelmillion US-Soldaten hielten nach der ersten Abzugswelle in den Neunzigern die Stellung an der früheren Frontlinie des Kalten Krieges, ein Anachronismus, den das Pentagon nun beenden will.

Es ist ein langer Abschied. Mit dem Abzug der Amerikaner - jedenfalls eines großen Teils von ihnen - geht ein Stück Nachkriegsgeschichte zu Ende. Höhen und Tiefen der deutsch-amerikanischen Beziehungen lassen sich daran ablesen: Wenn die Älteren von "den Amis" sprachen, sahen sie die Fremden als Feinde von gestern, nicht als Freunde von heute.

Viele, die im nationalsozialistischen Denken erzogen waren, taten sich noch lange schwer mit all dem, was die unübersehbare Präsenz der US-Soldaten verkörperte: die militärische Überlegenheit, die den Deutschen den Hochmut ausgetrieben hatte; die Großherzigkeit gegenüber den Besiegten, die diese zu Recht als beschämend empfinden mussten im Vergleich zur Gnadenlosigkeit deutscher Besatzungsherrschaft vor 1945; die Lässigkeit und Toleranz des American Way of Life, der die Herzen der Jüngeren im Sturm eroberte und damit mehr zur Demokratisierung im Nachkriegsdeutschland beitrug als alle Reeducation-Programme.

So wurden aus Fremden Freunde. Kein größerer Unterschied ist denkbar als der zwischen dem Jubel, mit dem 1958 ein Wehrpflichtiger namens Elvis Presley in der Bundesrepublik empfangen wurde, und dem tristen, abgeschotteten Dasein der Rotarmisten in der DDR, der angeblichen Heimat der Völkerfreundschaft.

Wie alles nahe Zusammenleben war auch das zwischen GIs und Deutschen nicht frei von Krisen: Die Drogen- und Disziplinprobleme, welche die demoralisierte US-Armee nach dem Vietnamkrieg plagten, ließen die Gastfreundschaft der Standortgemeinden abkühlen.

Kaum jemand freut sich darüber

Umgekehrt waren die Amerikaner verwundert, als ihre bis dahin so dankbaren Schutzbefohlenen zur Nachrüstungszeit plötzlich Kasernentore blockierten und das riefen, was die Alten nicht zu rufen gewagt hatten: Ami go home!

Jetzt also ist es so weit - nur dass sich in Deutschland trotz des Unmuts über den Irak-Krieg kaum jemand darüber freut, und das nicht nur, weil die Friedensbewegung längst sanft entschlafen ist.

Neben den Sorgen der betroffenen Gemeinden und Bundesländer vor den wirtschaftlichen Folgen gibt es noch eine weit tiefere Furcht: die nämlich, nun mit Liebesentzug bestraft zu werden für die deutsche Opposition gegen den Krieg. Auf die Entfremdung folgt der Rückzug: Die Symbolik ist so aufdringlich, dass sie leicht zu falschen Schlüssen verführt.

Strategisch hat die Verlegung der Stützpunkte wenig mit dem Wunsch der US-Administration zu tun, es den ungewohnt widerborstigen Deutschen heimzuzahlen. Der Konflikt um die Irak-Politik mag in Washington die Neigung verringert haben, auf die Verlustängste der Deutschen Rücksicht zu nehmen.

Neue Strategien

Aber auch ohne den Feldzug gegen Saddam Hussein hätte der einstige Außenposten der freien Welt seine Bedeutung verloren. Die USA wollen im Anti-Terror-Kampf kleinere, flexible Außenposten an den Grenzen des weiten Bündnisbereichs aufbauen. Erste Planungen dazu gehen überdies auf das Jahr 2001 zurück, als noch Harmonie herrschte zwischen Washington und Berlin.

Auch wenn der Abzug der Amerikaner nicht als Beleg für eine Entfremdung taugt, wird es ohne gemeinsamen Alltag schwieriger sein, künftige Entfremdungen zu vermeiden. Wenn gute Freunde gehen, bleibt Wehmut zurück.

Für Deutschland ist es die Wehmut dessen, der erwachsen geworden ist. Die Freundschaft, die über Jahrzehnte durch Nähe entstanden ist, wird sich nun auf Distanz bewähren müssen.

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(SZ vom 17.8.2004)