Komikerin mischt US-Wahl auf Roseanne for President

2008 unterstützte sie Obama noch, nun fordert Roseanne Barr ihn heraus: Die Schauspielerin hat ihre Kandidatur für die Grünen angekündigt. Der frühere TV-Star möchte die Macht der Banken einschränken, Homosexuellenrechte stärken und den Speiseplan der Amerikaner ändern. Dass sie keine Chance hat, ist ihr bewusst - und egal.

Von Matthias Kolb, Washington

Die Ankündigung war 140 Zeichen lang: Per Tweet teilte Roseanne Barr mit, dass sie soeben alle erforderlichen Unterlagen bei der Zentralen Wahlkommission eingereicht habe, um für die amerikanischen Grünen in den Präsidentschaftswahlkampf zu ziehen. "Ich setze mich dafür ein, Amerika und die Welt grüner zu machen. Grün steht für Frieden und Gerechtigkeit", twitterte @TheRealRoseanne.

Von der Mattscheibe in die Politik: Ex-Serien-Star Roseanne Barr bewirbt sich als Präsidentschaftskandidatin der amerikanischen Grünen.

(Foto: AFP)

Das Weiße Haus unter der Kontrolle von Roseanne, das klingt wie ein Witz - und wie ein Albtraum für alle Minister. Wer jahrelang im Fernsehen gesehen hat, wie die 59-Jährige als ihr Alter Ego Roseanne Connor ihren Ehemann Dan sowie die Kinder Becky, Darlene und C.J. auf ruppig-herzliche Art unter Kontrolle zu halten versuchte, der kann sich Angenehmeres vorstellen. Und die Aussicht, dass das US-Staatsoberhaupt im angetrunkenen Zustand twittert, dürfte Diplomaten den Angstschweiß auf die Stirn treiben.

Gewiss, dazu wird es nicht kommen, denn Barr ist natürlich viel zu klug, um anzunehmen, dass sie eine Chance gegen die Kandidaten der großen Parteien haben könnte. Sie setzt ihre Prominenz dafür ein, ihr wichtig erscheinende Themen in der US-Öffentlichkeit zu präsentieren - ähnlich wie der TV-Satiriker Stephen Colbert, der mit seiner Fake-Kandidatur viele Amerikaner zum Nachdenken über die Wahlkampffinanzierung gebracht hat. Sie gehe davon aus, dass die Ärztin Jill Stein aus Massachusetts im Juli auf dem Parteitag der Grünen in Baltimore zur Kandidatin gekürt werde, teilte Barr mit: "Ich werde bis zum Parteitag im Rennen bleiben und danach Jill unterstützen. Aber bis dahin werde ich dienen."

In vielen Tweets skizzierte Roseanne Barr ihre wichtigsten Forderungen: Sie möchte die Notenbank Fed entmachten, die "Finanzterroristen" strenger kontrollieren, eine Krankenversicherung nach europäischem Vorbild einführen, Krieg für illegal erklären und den Bürgern ihre Schulden erlassen, die diese in der Immobilienblase oder wegen ihrer Studienkredite angehäuft haben. Zudem sollen Schwule und Lesben mehr Rechte erhalten, Marihuana legalisiert und die Amerikaner animiert werden, sich gesünder zu ernähren: Das Protein solle künftig nicht mehr aus Tierprodukten, sondern aus Nüssen gewonnen werden.

Wer bei diesen Punkten weniger an die proletarische Familie Connor aus dem fiktiven Ort Lanford in Fulton County denkt als an die Occupy-Wall-Street-Bewegung, der liegt richtig: Im Herbst hatte Barr mehrere Reden im New Yorker Zucotti-Park gehalten. Vergangene Woche bat sie "die 99 Prozent" um Unterstützung für ihre Kandidatur. Republikaner und Demokraten hätten bewiesen, dass sie "Sklaven" seien, die von dem obersten einem Prozent gekauft worden seien und sich nicht für die Interessen des amerikanischen Volks einsetzen würden, klagte Barr, die 2008 noch US-Präsident Barack Obama unterstützt hatte.

Roseannes Alltagsprobleme gegen den Glamour aus Dallas

Den Kontakt zur Normalbevölkerung hat die Millionärin nie verloren. Beobachter erklären den großen Erfolg ihrer TV-Serie Roseanne, die zwischen 1988 und 1997 in den USA lief, auch damit, dass sie ein ehrliches Porträt der Alltagsprobleme einer amerikanischen Arbeiterfamilie zeichnete, während in Dallas und Denver Clan noch der Glamour regierte. Zurzeit entwickelt sie für NBC die Sitcom Downwardly Mobile, die wieder ungeschönt die Realität in den USA beschreibt - immer mehr Amerikaner leben wegen der Wirtschaftskrise in Wohnwagensiedlungen. Die Ankündigung der vielfach preisgekrönten Schauspielerin kam für ihre treuesten Fans nicht überraschend: 2010 hatte sie auf ihrer Website erklärt, gleichzeitig für das Amt der US-Präsidentin und der israelischen Premierministerin antreten zu wollen. Im August 2011 deutete sie in der US-Talkshow von Jay Leno an, als Kandidatin um den Einzug ins Weiße Haus kämpfen zu wollen, wenn Sarah Palin für die Republikaner antrete.

Die amerikanischen Grünen sind begeistert über die Neu-Politikerin. "Es ist großartig, dass sich eine so berühmte Person für unsere Partei engagiert", sagte Parteisprecher Scott McLarty zu CNN. McLarty weiß, dass die Ökopartei Publicity gut gebrauchen kann. Ihr Einfluss ist in Amerika auf die lokale Ebene begrenzt, landesweite Aufmerksamkeit erhielten die Grünen zuletzt im Jahr 2000 - dem Verbraucheranwalt Ralph Nader war es damals gelungen, als Präsidentschaftsbewerber knapp drei Prozent der Stimmen zu sammeln.

Linktipp: In einem Interview mit Russia Today vom Oktober 2011 erklärt Roseanne Barr, weshalb sie die Occupy-Bewegung unterstützt und was sie als US-Präsidentin umsetzen möchte.