Kolumne Zäsur

Das ist vielleicht das einzig Gute an der Wahl in den USA: dass sie einen nötigt, neu nachzudenken, anderes zu lesen und Vertrautes kritisch zu befragen.

Von Carolin Emcke

Die Geschichte zeigt," schreibt der italienische Philosoph Roberto Esposito in seinem Buch "Person und menschliches Leben", "dass jedes kollektive Ereignis von einer gewissen Unvorhersehbarkeit gekennzeichnet ist." Daran glauben zwar die Demoskopen nicht, aber mindestens seit der Wahl in den Vereinigten Staaten ist es an der Zeit, sie und sich selbst daran zu erinnern. Umso erstaunlicher, mit welcher Eile nun Erklärungen für diesen unvorhergesehenen Ausgang angeboten wurden, Erklärungen, die gelegentlich mehr die Tiefe des Schocks über die historische Zäsur als ihre analytische Durchdringung dokumentierten. Selbst jene Beobachter, die zuvor Hillary Clinton für absolut unschlagbar und Donald Trump für absolut unwählbar hielten, selbst jene, die fassungslos auf die Daten und Zahlen der Wahl starrten, zögerten nicht, anschließend umgehend soziale oder politische oder kommunikationstheoretische Interpretationen anzubieten, die alles Unverständliche ins vorgeblich Einleuchtende transponierten. Dabei wurden auffällig oft eben jene Interpretationen herangezogen, die ohnehin der eigenen Disziplin oder Überzeugung entsprachen.

Wer die urbanen Zentren der USA verlässt, dem kann der Zorn nicht verborgen bleiben

Mir ergeht es genau andersherum. Ich hatte es mir anders erhofft, aber überrascht hat mich die Wahl von Donald Trump nicht. Ich bin nur komplett ratlos, wie sie gedeutet werden soll. Dass Trump der nächste amerikanische Präsident werden könnte, erschien mir, allen Umfragen zum Trotz, so wahrscheinlich wie furchteinflößend. Auch der bittere Zorn, der nun wahlweise als Unmut einer objektiv vergessenen Arbeiterklasse, als Angst einer sich subjektiv als nicht mehr ausreichend abgesichert empfindenden Mittelschicht oder als objektiv-subjektiver Rassismus gelesen wird, schien mir keineswegs neu zu sein. Allen, die sich in den vergangenen Jahren auch nur ein bisschen außerhalb der urbanen Zentren der Vereinigten Staaten bewegt haben; allen, die mal mit hochdekorierten Veteranen gesprochen haben, die zwar in Afghanistan oder dem Irakkrieg kämpfen durften, aber mittlerweile unter den Autobahnbrücken in abgeranzten Zelten hausen müssen; allen, die mal in den vergangenen Jahren die de-industrialisierten Brachen und Ruinen von Detroit besucht haben oder die Straßenzüge um Las Vegas, in denen nach der Finanzkrise ein Haus neben dem anderen zur Zwangsversteigerung angeboten wurde, oder die auch nur die Essays von John Jeremiah Sullivan über die inneren Paradoxien Amerikas gelesen haben, konnte dieser Zorn nicht verborgen geblieben sein.

Aber das ändert alles nichts daran, dass mir, je länger die Wahl zurückliegt, mein eigenes Instrumentarium zum Deuten des Phänomens Trump immer unzulänglicher erscheint. Die Wahl in den USA lässt mich nicht an den Wählern zweifeln, sondern zunächst und vor allem an meiner eigenen Fähigkeit, zu erklären, was das Ergebnis denn tatsächlich bedeutet. Zu dem Schock gesellen sich vor allem Selbstzweifel. Was immer sich an Theorie-Ansätzen oder Deutungsmöglichkeiten anbietet, greift nicht. Es ist wie mit einer zu kurzen Decke, an der man zieht und rupft, und die doch nie alles abdeckt. Mir fehlen offensichtlich passende Begriffe, mir fehlt historisches Wissen, das mich über die eigene Ratlosigkeit hinwegtrösten könnte. "Wie das Irrationale rational zu analysieren ist, ist keine einfache Frage," schrieb der amerikanische Historiker George L. Mosse 1999 in seiner fabelhaften Studie "The Fascist Revolution", und vielleicht erklärt dieser klug-lakonische Satz, was das hermeneutische Problem ist.

Denn bei allem, was sich nachvollziehen lässt, bleiben doch diese irrationalen Lücken und Brüche, die sich nicht so leicht analysieren lassen: Warum haben viele von denen, die wählen gegangen sind, scheinbar gegen ihre Interessen gestimmt? Welche Rolle spielen Begriff und Selbstverständnis der sozialen Klasse in einem Land, das ansonsten eher bestreitet, dass es so etwas überhaupt noch gibt? Muss, wer über Nichtwähler sprechen will, nicht auch darüber sprechen, warum sich, wer wählen will in den USA, registrieren lassen muss? Und warum dafür eine Sozialversicherungsnummer notwendig ist? Wie sinnvoll ist es, eine soziale Klasse primär über Einkommen zu definieren - statt auch über Bildungsgrad oder seltener abgefragte Kategorien wie Selbstbewusstsein oder Stolz nachzudenken? Wie verhalten sich die modischen Konzepte von Elite und Prekariat zueinander, wenn die Bedingungen von intellektueller oder kreativer Arbeit keineswegs mehr stabile Anstellungsverhältnisse oder Löhne generieren? Hat eine Gerechtigkeitsdebatte wirklich Sinn, bei der beständig Verteilungsfragen gegen Artikulationschancen ausgespielt werden? Und hilft den sogenannten Abgehängten wirklich eine Kritik am globalisierten Kapitalismus, die nurmehr im protektionistischen Nationalismus ihre Antwort sucht, anstatt viel genereller über die Zukunft der Arbeit im Zeitalter der digitalisierten Industrien nachzudenken? Welche Qualifizierungsinitiativen wird es brauchen, damit die dramatischen Transformationen der Arbeit 4.0 sozial abgefedert werden können? Und nicht zuletzt: Wie unterscheidet sich das, was da Populismus oder Autoritarismus genannt wird, von einer faschistischen Bewegung? Wie lässt sich die allgegenwärtige Lust am Tabubruch, am Unterwandern von normativen Regeln beantworten?

Ich habe keine Antworten auf diese Fragen. Aber sie diktieren mir die Lektüre für die nächsten Wochen. Das ist vielleicht das einzig Gute an dieser Wahl: dass sie einen nötigt, neu nachzudenken, in anderen Richtungen und Themenfeldern zu lesen als bislang, und Vertrautes kritisch zu befragen. "Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin," schrieb Theodor W. Adorno in den "Minima Moralia", "weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen." Neben Faschismustheorien und Texten zur Vernetzung von Robotern in modernen Produktionsabläufen lese ich vorsichtshalber auch schon mal mehr zu China. Das geostrategische Vakuum, das Donald Trump zumindest ankündigt, wird das Land vermutlich mit Vergnügen füllen.