Kolumne Schlechter Film

Carolin Emcke ist Publizistin und Philosophin. Ihre Kolumne erscheint in jeder SZ am Wochenende an dieser Stelle. Illustration: Bernd Schifferdecker

Die Protagonisten der rechten Bewegung wirken zuweilen wie Darsteller in einer Doku-Soap. Sie argumentieren, als ließe sich die Globalisierung einfach aus dem Drehbuch redigieren.

Von Carolin Emcke

Sie gehören schon lange zur Realität. Oder zur Realität des Fernsehens. Oder zu jener Sorte Realität des Fernsehens, die sich als Abbildung der Realität ausgibt, sie jedoch selbst inszeniert. Sie heißen "Hilf mir doch" (Vox), "In Gefahr" (Sat1), "Extrem schwer" (RTL2) oder "Familie im Brennpunkt" (RTL) und sie füllen die Vormittags- und Nachmittagsprogramme vor allem der Privatsender seit vielen Jahren. Das Genre der "Scripted Reality" arbeitet mit erfundenen Stoffen, mit vorgeschriebenen Texten, mit angeheuerten Schauspielern, in einem rundherum fiktionalen Rahmen, der den Eindruck der Authentizität simuliert.

Die Figuren kommen kunstvoll ungeschminkt daher, die Kamera hastet oftmals hinterdrein, als wüsste niemand, was als Nächstes geschieht, jede Echtheit ist fabriziert. Die Anmutung des Faktischen der Pseudo-"Reportagen" oder sogenannten Doku-Soaps ist bloß stilistischer Effekt eines durch und durch fiktionalen Formats. Nur am Ende der Sendung, im Abspann, erfolgt ein Hinweis, dass es sich nicht um reale Begebenheiten handelt.

Die Zuschauer werden Voyeure, um sich selbst zu erhöhen. So die Theorie

Ob Familien-Zerwürfnisse oder Gerichtsprozesse in den Fokus der simulierten Dokumentation gerückt werden, immer behaupten die "Scripted-reality" Sendungen besondere Alltagsnähe. Es sind vorgeblich normale Menschen, die allerdings vor allem als minderbemittelte, lebensunfähige Tölpel ausgestellt und infantilisiert werden, damit sie sich, so das Schema der meisten Erzählungen dieser Gattung, durch eine autoritäre Intervention (eines "Richters", einer "Supernanny", eines "Schuldenberaters") erziehen und zum fiktiven Happy End manipulieren lassen. Die individuelle "Schuld" der Figuren, durch die sie ins Unrecht oder Elend geraten sind, gehört dabei ebenso zum unausgesprochenen Gesellschaftsentwurf der meisten dieser Formate wie die paternalistische "Lösung" eines Konflikts.

In ihrer Publikation "Faszination Scripted Reality" vom Mai 2015 verweist die Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen auf Studien, wonach sich der große Erfolg mancher dieser Sendungen dadurch erklärt, dass die Zuschauerinnen und Zuschauer nicht zuletzt den sozialen Vergleich zu diesen traurigen Existenzen genießen, sie also als Voyeure der Lebensdramen des verzagten Prolls sich nicht nur amüsieren, sondern auch selbst erhöhen können. Vor allem aber entdeckten die Medienforscher, dass die Fiktionalität dieser dargestellten Dramen keineswegs immer durchschaut wird. Laut einer empirischen Untersuchung aus dem Jahr 2012 erkannten lediglich 20 Prozent der befragten jugendlichen Rezipienten der Sendung "Familie im Brennpunkt" den gescripteten Charakter des Formats. Die erfundenen Biografien und inszenierten Konflikte der Figuren erschienen ihnen vielmehr als authentisch. Womöglich besteht in diesem Missverständnis das intransparente Erfolgsrezept der "Scripted Reality": dass sich emotional von etwas Irrealem profitieren lässt, indem es für real gehalten wird.

Bei den rechtsradikalen Bewegungen und Figuren im Umfeld von AfD und Pegida lässt sich zur Zeit das exakt umgekehrte Phänomen beobachten: An einigen ihrer Aussagen und Positionen kann man sich eigentlich nur ergötzen, wenn sie nicht für echt gehalten werden, wenn diese Figuren nur für Laiendarsteller von Politikerinnen und Politikern gehalten werden, die in einem imaginären Stück mitspielen, das "Wahlkampf" heißt und aufhört, bevor der Plot eine Regierungszeit erzählen müsste. Anders lässt es sich kaum erklären, dass es ein voyeuristisch-affirmierendes Publikum geben soll, das applaudiert, wenn gefordert wird, auf Menschen sollte an der Grenze geschossen werden dürfen. Das lässt sich nur bejubeln, wenn es für eine fiktive Sequenz aus "Tschiller: Off Duty" gehalten wird. Man muss im Übrigen kein Mann sein, um es eigenwillig zu finden, dass nach allerlei Kritik erläutert wird, dass zwar nicht auf Kinder, aber durchaus auf Frauen soll geballert werden dürfen. Warum geflüchtete Männer an der Einreise durch Schüsse sollten gehindert werden können, bedarf für diese Sorte Politikerinnen anscheinend nicht einmal einer Begründung. Kann das etwas anderes als bitterböse Fiktion oder Satire sein?

Sie sitzen in Talkshows, sie publizieren Programme, sie sammeln Spendengelder, als seien sie vorgesehen für die reale Welt, aber gleichzeitig arbeiten sie ständig mit fiktionalen und regelrecht antirealen Szenarien. So argumentieren diese Protagonisten der rechten Bewegungen gelegentlich, als ließe sich die Globalisierung aus ihrem politischen Drehbuch redigieren. Sie erdenken sich eine abgeschlossene Welt, in der sich die internationale Vernetzung von Handels- und Geschäftsbeziehungen, aber vor allem die damit einhergehende kulturelle Vielfalt und wechselseitige Verbundenheit einfach beseitigen ließe wie ein Textbaustein. Sie entwickeln eine klar strukturierte Dramaturgie, die nach einer autoritären Intervention, einer nationalistischen Supernanny verlangt, welche die Gesellschaft zu einem fiktiven Happy End hin manipuliert.

"Dissimulieren heißt fingieren, etwas, das man hat, nicht zu haben", schrieb der Philosoph Jean Baudrillard in seinem Essay "Agonie des Realen", "Simulieren heißt fingieren, etwas zu haben, was man nicht hat." So wie manche Politikerinnen und Politiker ein politisches Programm simulieren, das für die reale Komplexität der globalen Welt tauglich sein soll, so dissimulieren sie ihre eigene Sichtbarkeit. Sie behaupten, die öffentliche Präsenz, die sie haben, nicht zu haben. Sie vollbringen den grandiosen Selbstwiderspruch, in jeder publikumswirksamen Gesprächssendung Migranten zu kritisieren und gleichzeitig zu suggerieren, Kritik an Migranten werde zensiert. So dissimulieren sie den Erfolg, den sie gerade ihrer überrepräsentativen Sichtbarkeit im öffentlich-rechtlichen Fernsehen verdanken und behaupten sich als ohnmächtig und unterdrückt. Womöglich braucht es langsam eine Kennzeichnung nach solchen Auftritten, einen Abspann, in dem darauf hingewiesen wird: dies ist keine Fiktion, dies ist real. Das ist keine Satire, sondern bitterer Ernst.