Kolumne Schäbige Gefühle

Carolin Emcke ist Publizistin und Philosophin. Ihre Kolumne erscheint in jeder SZ am Wochenende an dieser Stelle. Illustration: Bernd Schifferdecker

"Das wird man ja wohl noch mal sagen dürfen." Sehr wohl, doch nicht alles, was man darf, muss man auch sagen.

Von Carolin Emcke

Auf die Frage, ob sie an so etwas wie die magischen Qualitäten von Wörtern glaube, antwortete die Schriftstellerin Herta Müller einmal in einem Gespräch, das in dem schönen kleinen Band "Lebensangst und Worthunger" abgedruckt ist: "Ob es Qualitäten sind, weiß ich gar nicht. Irgendetwas haben sie schon. Sonst würden sie einen ja in Ruhe lassen. Und man würde sie in Ruhe lassen", und etwas später fährt sie fort, "Wörter können alles. Die können schikanieren, und die können schonen, und die können einen besetzen und die können einen leerräumen". Was Wörter können, was Wörter auslösen und anrichten, wie sie schikanieren und einen besetzen können, das lässt sich in diesen Wochen der verbalen (und non-verbalen) Eskalation erleben. Und es stimmt ja: Die Wörter lassen einen nicht in Ruhe.

Vielleicht besteht darin das erste von mehreren Missverständnissen derjenigen, die ihre Rede mit dem eigenwillig larmoyanten Auftakt "Man wird ja wohl noch mal sagen dürfen" einzuleiten pflegen: das "mal" in dem Satz behauptet in seiner Beiläufigkeit, Wörter seien harmlos, sie könnten nicht schikanieren oder besetzen, könnten nichts anrichten bei denen, die sie bezeichnen, beurteilen, brandmarken. Das "mal" suggeriert, es könne einfach nur so bei Gelegenheit dahin gesprochen werden, als purzelten Begriffe und Bedeutungen "mal" so zufällig heraus, irgendwo zwischen absichts- und folgenlos. Was immer danach "wohl noch mal gesagt werden darf" weist vorab von sich, von der schmerzhaften Wirkungsmacht von solchen Wörtern zu wissen. Für jene Wörter, die zu Gewalt gegen Menschen anstiften, ist die Staatsanwaltschaft zuständig. Für alle Wörter unterhalb davon, für jene Form der Rede, die Menschen entwertet und deindividualisiert, die sie in Kollektive zusammenfasst und ihnen Eigenschaften zuschreibt, die sie besetzt und schikaniert, für jene Wörter aber sind wir alle zuständig.

Als koste es Mut, sich von Konventionen, Höflichkeit und Gesittung zu entbinden

Das zweite Missverständnis derjenigen, die mit "man wird ja wohl noch mal sagen dürfen" operieren, liegt in der impliziten Unterstellung des "dürfen". Als dürften sie nicht "wohl noch mal sagen". Als würden ihre Wörter unterdrückt. Als koste es Mut, sich von sozialen Konventionen von Höflichkeit und Gesittung zu entbinden. Als sei es ein Zeichen von Tapferkeit, andere Menschen, andere Überzeugungen oder Lebensweisen herabzuwürdigen. Als gäbe es in dieser zunehmend entgrenzten Mediengesellschaft noch ethische oder ästhetische Tabus, die nicht längst in einer der "Gesprächs-Sendungen" auf dem Altar der inszenierten Kontroversen geopfert wurden. So lange schon wurden Gäste wie Zuschauer ihrer eigenen vernünftigen Erwartungen an politische Gespräche, in denen zugehört und gemeinsam nachgedacht wird, entwöhnt, dass mittlerweile fast jede noch so faktenfreie Hetze, jedes noch so von Wissen bereinigte Ressentiment öffentlich-rechtlich ausgestellt werden kann. Das Kriterium analytischer Fähigkeit, im Rahmen grundgesetzlicher Normen oder auf der Grundlage überprüfbarer Tatsachen zu argumentieren, scheint obsolet zu sein und die obszöne Freude an der Pornografie des Streits trumpft so lange auf, bis aus dem radikalisierten und hasserfüllten Diskurs-Klima wiederum selbst ein Thema gemacht werden kann.

Wer vor diesem Hintergrund von "man wird ja wohl mal sagen dürfen" spricht und damit insinuiert, die eigene Meinung würde tabuisiert, scheut womöglich nur jene Sorte Auseinandersetzung, bei der es für die eigenen Ansichten auch Gründe anzuführen gilt, und bei der diese Ansichten oder ihre Begründungen selbstverständlich bestritten werden können.

Kritik ist nicht Zensur. Kritik ist Kritik. Wenn sie vernünftig ist, bezieht sie sich auf Aussagen oder Handlungen, nicht auf Personen oder Gruppen. Wenn sie aufgeklärt ist, bezieht sie potenziell die eigenen Aussagen und Handlungen mit ein und bezweifelt auch immer wieder die Triftigkeit eigener Argumente und Überzeugungen.

Das vielleicht verstörendste Missverständnis derjenigen, die das "man wird ja wohl mal sagen dürfen" wie ein rhetorisches Schutzschild vor rationaler Kritik vor sich hertragen, besteht in der Verherrlichung schrankenloser Gefühligkeit. Als hätten ungefilterte Emotionen per se Berechtigung im öffentlichen Diskurs qua ihrer bloßen Emotionalität. Jedes dumpfe Vorurteil, jede schamlose Missachtung, jeder noch so unappetitliche innere Dreck darf nach außen gestülpt werden, weil jedes Gefühl angeblich nicht nur still empfunden, sondern auch lauthals öffentlich erbrochen werden darf. Als sei jede Form der abwägenden Reflexion, jede Form der Skepsis den eigenen Gefühlen (oder Überzeugungen) gegenüber, jede Rücksichtnahme auf Gefühle anderer eine inakzeptable Einschränkung der eigenen Bedürfnisbefriedigung.

So wird eine Form ungehemmter Egozentrik, die eher der moralischen Entwicklungsstufe von Kleinkindern entspricht, zu einer pseudo-politischen Diskurstechnik verklärt. Aber nicht jedes Gefühl braucht politische Repräsentation oder Artikulation. Manche Gefühle sind einfach nur schäbig. Jeder und jede von uns hat solche Gefühle zuhauf. Aber sie gehören gehemmt, gefiltert, reflektiert, nicht aufgewertet und legitimiert.

"Sofern wir im Plural existieren", schrieb die Philosophin Hannah Arendt in ihrer "Vita Activa" aus dem Jahr 1958, "und das heißt, sofern wir in dieser Welt leben, uns bewegen und handeln, hat nur das Sinn, worüber wir miteinander und wohl auch mit uns selbst sprechen können, was im Sprechen einen Sinn ergibt."

Wenn wir die Mitte der Gesellschaft stabilisieren wollen für eine Kultur des Miteinanders, werden wir das Sprechen wieder üben müssen. Langsam und behutsam. Das Sprechen miteinander, das einen Sinn ergibt, das mit Gründen und nicht bloßen Gefühlen unterlegt ist, und das den Plural, in dem wir existieren, nicht leugnet, sondern anerkennt. Es kommt nicht darauf an, was "man wohl noch mal sagen darf", sondern was im Sprechen einen Sinn ergibt. Nicht nur für einen selbst, sondern auch für die anderen.