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Kolumne Namen

Können Menschen, die so heißen wie die Opfer der NSU-Morde, noch Vertrauen in die Gesellschaft setzen?
Von Carolin Emcke

Es gab sie immer schon, diese Listen zum Auswendiglernen. Die erste, an die ich mich erinnere, tauchte in einem meiner Kinderbücher auf und kam in Reimen daher. ". . . Ferner, einen Haustürschlüssel/ für die Äpfel eine Schüssel, / einen Besen für den Stall, für die Katze einen Ball." Das waren die Dinge, die "Onkel Tobi" von seinem Ausflug aus der Stadt mitbringen sollte. Diese Liste verlängerte sich nach und nach, je nachdem, wen Onkel Tobi auf dem Weg traf und wer ihm noch etwas zurief, das er bräuchte. Es war reiner Ehrgeiz, der einen antrieb, sie schneller zu memorieren als die Figur in dem Buch. Die nächste Liste war vermutlich die Buchstabentafel, die neben dem Telefon meiner Eltern auf dem Tisch lag, und die das Diktieren erleichtern sollte: "Anton, Ärger, Berta, Cäsar, Charlotte ...". Später kamen die Bücher des Alten Testaments hinzu: "Genesis, Exodus, Levitikus, Numeri, Deuteronomium . . .", noch später die Namen der Spieler des BVB, die 1997 das Finale der Champions League gegen Juventus Turin gewonnen hatten: "Klos, Sammer, Reuter, Kohler, Kree . . ."

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Die Gründe für das Auswendiglernen variierten. Es gab Listen, die man brauchte, weil sie nützlich waren im Alltag. Es gab Listen, die es zu lernen galt, weil sie die eigene Zugehörigkeit markierten. Wer sie aufsagen konnte, glaubte an denselben Gott oder dasselbe Buch. Es gab Listen, die wurden eingeübt aus Angeberei, weil sich so die eigene Leidenschaft für eine Band, einen Künstler, eine Epoche besonders distinguiert belegen ließ.

Diese Woche habe ich seit langer Zeit erstmals wieder beschlossen, eine Liste auswendig zu lernen. Nicht aus Ehrgeiz oder Stolz, sondern aus purer Scham. Es ist die Liste mit den Namen der Opfer des "Nationalsozialistischen Untergrunds": Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, İsmail Yaşar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşık, Halit Yozgat und Michèle Kiesewetter. Genau, "Kiesewetter" wäre für die meisten vermutlich noch zu nennen gewesen. Das ist einprägsam für deutschsprachige Gedächtnisse. Aber die anderen: Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, İsmail Yaşar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşık, Halit Yozgat. Ich hätte sie nicht aufzuzählen gewusst.

In jeder Minute des Films über die NSU-Opfer muss man sich schämen

Im Jahr 2007 endete die Mordserie des NSU, seit fast drei Jahren schon verhandelt der Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts München gegen Beate Zschäpe wegen der Morde, fast täglich gibt es neue Berichte über die Verwicklungen des Verfassungsschutzes in den terroristischen Unter- oder Obergrund - und ich konnte immer noch nicht die Namen aller Opfer nennen. Wie erbärmlich das ist, hat mir diese Woche der zweite Teil der ARD-Trilogie über den NSU, "Die Opfer - Vergesst mich nicht", von Züli Aladağ vorgeführt. In jeder Minute dieses Films schämt man sich. Wie die Familie von Enver Şimşek, des ersten Opfers des NSU, von der Polizei verdächtigt, manipuliert und gedemütigt wird, weil niemand auch nur in Erwägung zieht, dass diese Menschen Opfer sein könnten und nicht Täter. Wie die Mitglieder dieser Familie (wie all die anderen Angehörigen der anderen Opfer) einem Staat ausgeliefert sind, der sie behandelt, als gehörten sie nicht richtig dazu, als seien sie Unberührbare, als verdienten sie weniger Rechte, weniger Fürsorge und weniger Schutz. Wie von ihnen erwartet wird, alle Schikanen klaglos zu ertragen, als kennten sie keinen Kummer, keine Trauer, keine Würde, nur weil sie heißen, wie sie heißen: Şimşek, Özüdoğru, Taşköprü, Kılıç, Turgut, Yaşar, Boulgarides, Kubaşık, Yozgat. Und nicht zuletzt: Wie von vornherein rassistische Motive für die Mordserie ausgeschlossen werden, als sei Rassismus einfach undenkbar, unmöglich, unauffindbar in unserer Gesellschaft.

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Am Tag danach habe ich begonnen mit dem Auswendiglernen. Name für Name. Buchstabe für Buchstabe. Ganz langsam. War das mühsam? Ja, ein bisschen. Wie alles Auswendiglernen. Fällt es mir leichter, wenn die Opfer Schmid, Schoner, Schleyer, Buback, Herrhausen heißen? Ja, eindeutig. Aber genau darum geht es ja. Es ist nicht schlimm, wenn einem eine andere Sprache weniger leicht fällt als die eigene. Aber es ist schlimm, wenn man glaubt, diese Menschen seien das bisschen Anstrengung nicht wert. Es ist nicht schlimm, wenn man nicht weiß, wie ein bestimmter Buchstabe oder ein Name ausgesprochen wird. Es ist schlimm, wenn man niemanden fragt oder nicht nachschlägt, um es herauszufinden. Genau da verläuft der schmale Grat, der Unwissenheit von Unhöflichkeit oder Missachtung scheidet. Wer sich "Sabine Leutheusser-Schnarrenberger" merken kann, der kann sich auch "Mehmet Turgut" merken. Meine Unfähigkeit, mich der Opfer-Namen zu erinnern, war insofern Teil der traurigen Geschichte der abschätzigen Behandlung der Opfer-Familien durch diese Gesellschaft.

Die Liste mit den Namen zu lernen ist nur eine Geste. Nur ein Anfang, der signalisiert, dass die sogenannte Integration nicht nur den vermeintlich anderen, sondern jedem von uns etwas abverlangt. Die offene Gesellschaft ist nicht offen, wenn sie im Kern unbeweglich bleibt. Langfristig entscheidender ist jedoch die Frage, was sich sozial, politisch, kulturell geändert hat seither. Könnte so etwas heute tatsächlich nicht mehr geschehen? Würde heute die Polizei ergebnisoffen in alle Richtungen ermitteln? Würden Journalisten nicht mehr von "Döner-Morden" sprechen? Könnten heute Menschen mit anderer Herkunft, anderer Hautfarbe, anderem Glauben oder anderen Namen sicher sein, dass sie von diesem Staat beschützt und nicht gedemütigt werden? Hat sich dieses schäbige Amalgam aus kleinen, individuellen Respektlosigkeiten und grobem, institutionellem Rassismus wirklich aufgelöst? Gäbe es Gründe für Menschen, die so heißen wie Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, İsmail Yaşar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşık oder Halit Yozgat, dieser Gesellschaft wieder zu vertrauen?

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