Kolumne Lärm

Die zersetzende Kraft von Donald Trumps Kommunikation besteht darin, dass Inhalte für ihn beim Sprechen überhaupt keine Rolle mehr zu spielen scheinen.

Von Carolin Emcke

Umberto Eco, der italienische Autor, hatte 2011 in seinem Essay über Zensur und Stille geschrieben: "Der Faschismus hatte verstanden (wie Diktatoren im Allgemeinen), dass abweichendes Verhalten durch die Tatsache ermutigt wird, dass Medien darüber berichten." Es ist ein unheilvolles Perpetuum mobile, das heute noch funktioniert - angetrieben durch das Verletzen moralischer und politischer Standards und der begeistert-entgeisterten Reaktion der Fernsehanstalten, die mit ihrer Aufmerksamkeit jene Normbrüche entlohnen. Dazu ist aber eine genau abgestimmte Routine nötig: Auf den einen Normbruch muss eine ausreichend lange Pause bis zum nächsten folgen, damit die Journalistinnen und Journalisten Zeit haben, sich den Äußerungen oder Entscheidungen im Einzelnen zu widmen. Wie sich aus den ersten Wochen der Präsidentschaft von Donald Trump lernen lässt, führt exzessive Beschleunigung der Tabubrüche dagegen zu einem Kollaps jedes sinnhaften politischen Diskurses.

Mit Trump ergeht es der amerikanischen Öffentlichkeit wie mit einem Flipperautomaten, dem der Plunger ununterbrochen neue Stahlkugeln einschießt, sodass alles Geschick und alle Hebel nicht reichen, um am Ende auch nur eine einzige Kugel im Spiel zu halten. Die rastlosen Executive Orders der ersten Wochen, die manischen Tweets, in denen Trump sich und seine Politik selbst kommentiert, seine eingebildeten oder echten Kritiker denunziert oder bedroht - sie treiben die Medien nicht nur vor sich her. Trump verhindert vielmehr Aufmerksamkeit, indem er sie ununterbrochen einfordert.

Zensur findet durch die entgrenzte Überproduktion von Informationen statt

"Lärm wird zur Tarnung", heißt es bei Umberto Eco in demselben Text. Nicht mehr das Unterdrücken von Informationen, nicht das Verschweigen von Absichten, nicht das Verbot von Berichterstattung zeichnet staatliche Zensur aus, sondern die entgrenzte Überproduktion von Informationen. Trump verhält sich wie ein Kommunikations-Guerillero. Paradoxerweise funktioniert der Krieg nicht von unten nach oben, sondern von oben nach unten. Die Subversion richtet sich nicht gegen mächtige Instanzen; sie kommt aus dem Weißen Haus und trifft alle Institutionen, alle Strukturen, alle Regeln, welche die präsidiale Macht rechtsstaatlich und demokratisch einhegen können.

Dabei liegt die zersetzende Kraft von Donald Trump nicht bloß in den Inhalten seiner Aussagen, sondern darin, dass Inhalte für ihn beim Sprechen gar keine Rolle zu spielen scheinen. Kein Tag vergeht, keine Pressekonferenz, da dieser Präsident sich nicht selbst widerspricht, eine frühere Position räumt oder leugnet. Öffentliche Worte, Sätze, Überzeugungen sind bei Trump immer nur im Augenblick des Aussprechens gültig. Kaum jemals darüber hinaus. Nicht etwa, weil Trump dazugelernt hätte oder selbstkritisch wäre. Sondern weil für ihn kaum etwas stabil zu gelten scheint. Seine frühere Unterstützung für den Irak-Krieg? Vergessen. Seine falsche Behauptung, mehr Amerikanerinnen und Amerikaner hätten für ihn gestimmt als für Obama? Unwichtig, die Zahlen habe ihm jemand so vorgelegt. Ein-Staaten-Lösung oder Zwei-Staaten-Lösung im Nahen Osten? Einerlei. Jede Kritik an einer einmal getätigten Aussage wird umgehend entschärft, weil Aussagen ohnehin eine minimale Halbwertszeit haben. Diese Figur kann kaum als kindisch kritisiert werden, weil ihm Mündigkeit gar keine Kategorie ist. Und so versteht Trump sein notorisches Lügen auch nicht als Lügen. Sondern einfach nur als eine fluide, temporäre Behauptung, die ihn nicht bindet und zu nichts verpflichtet.

Diese permanente Gegenwart, die komplette Abwesenheit von Gedächtnis und Geschichte, flößt vielleicht am meisten Furcht ein. Denn natürlich zählt jedes Wort und jeder Satz dieses Präsidenten für diejenigen, die davon betroffen sind, die durch Begriffe oder Gesetze stigmatisiert und entwertet werden. Ganz gleich, ob Trump ein Dekret oder einen Satz später widerruft oder leugnet, für muslimische Geflüchtete aus Syrien, für die undocumented, also ausweislose Migranten, die seit Jahrzehnten in den Vereinigten Staaten leben und arbeiten, für mexikanische Familien diesseits und jenseits der Grenze, für Kinder, deren Eltern sich den Zugang zu privaten Schulen nicht leisten können, für all jene, die nicht wissen, wie sie ihre Arztrechnung begleichen sollen - für sie alle bedeuten diese Aussagen etwas. Sie verbreiten - gerade in ihrer absichtsvollen Unschärfe - Angst und Schrecken.

Die amerikanischen Redaktionen mit ihren Investigativ-Reportern mühen sich täglich und redlich, jedes einzelne Dekret sorgsam zu analysieren, jede einzelne Lüge präzise zu enttarnen. Aber während sie sich noch feiern für jeden Scoop, in dem sie Trump einen Fehler oder ein Vergehen nachweisen konnten, überrumpelt der sie schon mit der nächsten Aktion, die alle medialen Reflexe längst eingepreist hat. Dieser Präsident will mit seinen wüsten Beschimpfungen gegen die New York Times oder die Washington Post nicht freie Berichterstattung kritisieren - das wäre schon schlimm genug. Nein, er will sie manipulativ überwältigen. Trump erschwert nachhaltige Kritik, gerade indem er sie ununterbrochen herausfordert.

Wie damit umgehen? Das ist nicht leicht zu beantworten. Es kann ja auch keine Lösung sein, diesen Präsidenten mit seiner Missachtung von Fakten und Menschen zu schonen. Aber sich durch Trumps tägliche Tabubrüche Agenda und Tempo diktieren zu lassen, das schwächt die journalistische Autonomie und schadet der demokratischen Selbstverständigung. Langfristig wird es existenziell sein, Gegenöffentlichkeiten zu schaffen, in denen anders gesprochen und gedacht werden kann - und in der jene Menschen gehört werden, über deren Leben gestritten und gelogen wird. Auch dort beginnt der aufklärerische Widerstand gegen Trump: ihn gelegentlich dadurch zu entmutigen, dass seinem abweichendem Verhalten eben keine Aufmerksamkeit zuteil wird.