Kolumne Hunger

Carolin Emcke ist Publizistin und Philosophin. Ihre Kolumne erscheint in jeder SZ am Wochenende an dieser Stelle. Illustration: Bernd Schifferdecker

Weizen ist zur Waffe im syrischen Bürgerkrieg geworden. Eine Strategie für die Opfer ist nötig.

Von Carolin Emcke

Alle menschlichen Gefühle und Regungen - Liebe, Freundschaft, Neid, Menschenfreundlichkeit, Barmherzigkeit (. . .) - hatten uns verlassen mit dem Fleisch, das wir während unseres anhaltenden Hungerns verloren hatten", schreibt Warlam Schalamow im ersten Band seiner Erzählungen aus Kolyma "Durch den Schnee". Etwas weiter fährt er fort: "In der geringen Muskelschicht, die wir noch auf den Knochen hatten (. . .), hatte nur Erbitterung Platz." Was Schalamow beschreibt, wie also Hunger den Menschen zurichtet, wie er den Körper zersetzt, lässt sich mithilfe der Biochemie erklären. Wird der existenzielle Nahrungsbedarf einige Zeit unterschritten, stellt sich der Stoffwechsel um und verlangsamt zunächst. Erhält der Körper über längere Zeit nicht ausreichend Nahrung, beginnt er sich an seinem Reservoir an Kohlenhydraten, Proteinen und Fetten zu bedienen - und baut so jeden Tag etwas mehr eigene Substanz ab, bis die existenziellen Funktionen der Organe nicht mehr aufrechterhalten werden können.

Eine der bislang größten wissenschaftlichen Studien über Hunger entstand mitten im Zweiten Weltkrieg in den Vereinigten Staaten. In Europa litten Millionen Menschen an Mangelernährung und starben einen elenden Hungertod, aber es existierten kaum wissenschaftlich fundierte Kenntnisse über Unterernährung. Vor diesem Hintergrund untersuchte der Arzt Ancel Keys beim "Minnesota Starvation Experiment" an 36 Männern, die sich freiwillig gemeldet hatten, physiologische und psychologische Folgen von Nahrungsmangel. Im November 1944 begann Keys die zwölfwöchige Kontrollphase, in der die Teilnehmer zunächst auf eine standardisierte Ration an Kalorien gesetzt wurden.

Brot ist nicht nur Hauptnahrungsmittel, es ist ein Machtinstrument

Am 12. Februar 1945 begann die zweite dreimonatige Phase: Keys halbierte die tägliche Energiezufuhr abrupt, behielt aber die Auflagen körperlicher und mentaler Aktivität bei: Die Probanden mussten 15 Stunden pro Woche im Labor arbeiten und 22 Meilen laufen. Schon nach kurzer Zeit waren die physischen Auswirkungen dramatisch: Das Herz schlug nicht mehr 55-mal pro Minute, sondern nur noch 35-mal, das Blutvolumen sank um zehn Prozent, der Körper holte sich die fehlende Energie durch Fett- und Muskelabbau - bis die Männer gegen Ende des Experiments durchschnittlich 25 Prozent ihres ursprünglichen Körpergewichts verloren hatten. Einmal bis auf die Knochen abgemagert, konnten sie kaum mehr sitzen, ihnen war permanent kalt, sie litten unter Schwindelanfällen, Depressionen, einer akustischen Überempfindlichkeit, bei der sie jedes Geräusch quälte und vor allem unter obsessiven, teils kannibalischen Fantasien rund ums Essen. Nach einer dritten Phase, in der das Kalorien-Niveau langsam wieder erhöht wurde, endete das Experiment im Oktober 1945.

Was zur Zeit in Syrien geschieht, ist kein Experiment. Es ist das absichtsvolle, systematische Aushungern von Zivilisten, Kindern und Erwachsenen. Weil sie zufällig sunnitisch oder schiitisch sind, weil sie unterworfen werden sollen, weil sie als Pfand taugen, um vom Gegner etwas zu erpressen, freies Geleit, Gefangene oder Geld; weil sie im Weg sind und nichts zählen. Vielleicht auch weil es kein Weil mehr braucht in diesem Krieg. Sie werden in ihren Dörfern umzingelt, alle lebenswichtigen Güter wie Elektrizität, Gas, Wasser und Mehl werden ihnen vorenthalten, wochen-, monatelang. Menschen leiden an Unterernährung nicht erst seit die Bilder ihrer skelettierten Körper unsere Öffentlichkeit erreicht haben, eine Öffentlichkeit, in der immer noch über "Obergrenzen" für Flüchtlinge debattiert wird - als gäbe es eine Obergrenze für das Elend im Radius der Gewalt. Ob in Madaja, Fua oder einem der anderen 38 Dörfer, die die syrisch-amerikanische Ärzte-Organisation SAMS als belagerte Ortschaften nennt, sterben Menschen in Zeitlupe, weil es irgendeiner der menschenverachtenden Truppen gerade gefällt, ob denen von Assad und von Hisbollah oder denen des sogenannten IS.

Likmet aish (ein Biss oder Happen Brot) ist im Arabischen eine Redewendung, die sich keineswegs nur auf Brot bezieht, sondern metaphorisch für alles verwendet wird, das es auch sozial oder politisch zum Lebensunterhalt braucht: Es kann einen Passierschein bezeichnen oder eine Arbeitserlaubnis, die überlebenswichtig ist. Brot ist nicht nur das Hauptnahrungsmittel für ärmere Menschen, es ist auch ein Machtinstrument. In einem Artikel in der Washington Post beschrieb Annia Ciezadlo jüngst "Weizen als unkonventionelle Waffe im Krieg in Syrien". Die Kämpfe zwischen den Kriegsparteien ziehen sich entlang einzelner Stationen der Weizenproduktion: von den Anbaugebieten, über die Mühlen bis zu den Silos. Nach Schätzungen der Welternährungsorganisation FAO liegen bereits 30 Prozent der syrischen Weizenproduktion außerhalb der von der Regierung kontrollierten Gebiete.

Von den mittlerweile acht UN-Resolutionen, die sich mit dem Bürgerkrieg in Syrien befassen, fordern drei nicht nur einen Waffenstillstand, sondern vor allem ein Monitoring der humanitären Situation und Zugang für humanitäre Hilfe (Resolution 2139, 2165 und 2256). Während die internationale Allianz und Russland nur darin einig zu sein scheinen, dass sie Bombardements für ein taugliches Instrument der Terror-Bekämpfung halten, so gibt es für die verzweifelte Zivilbevölkerung und jene, die ihr helfen wollen, offensichtlich keine Strategie. Wenn das elende Verrecken in den umlagerten Gebieten enden soll, braucht es mindestens humanitäre Korridore, über die Lebensmittel und medizinische Versorgung gewährleistet werden können. Von einer Flugverbotszone, die die grausamen Fassbomben-Angriffe verhindern würde, ganz zu schweigen. Es ist kein Zufall, dass heute nur im kurdischen Nord-Irak eine lebendige Zivilgesellschaft und halbwegs stabile und demokratische Institutionen existieren - das ist letztlich das Ergebnis der Flugverbotszone, die die Kurden vor den Angriffen Saddam Husseins schützte. Die Erbitterung der Menschen in Syrien jedenfalls ist längst in ihre letzte Muskelschicht gekrochen.