Kolumne Haltung

Im Gestern waren wir schon. Wir müssen im nächsten Jahr endlich wieder einen Weg finden, den Rückschritt aufzuhalten. Das geht nur, wenn der Kopf aufrecht bleibt.

Von Jagoda Marinić

Dieses Jahr geht zu Ende und viele werden es hinter sich lassen wollen wie ein schlechtes Buch, das man zuklappt und nicht wieder in die Hände nimmt. Als könnte man, was einem unerträglich erscheint, einfach an einer erdachten Schwelle zurücklassen. Kindlich und fromm ist dieser Wunsch und gleichzeitig sollte man genau das wagen: Trotz allem das Beste hoffen. Alles Neue hat ein Recht, wirklich Anfang zu sein. All das Scheitern darf nicht mit leisem Einverständnis fortgesetzt werden. Das zu verhindern, wird mehr verlangen als fromme Wünsche. Wer die Debatten zum Jahresende verfolgt, der weiß, es wird Mut kosten. Es wird einer Haltung bedürfen. Einer Denkart, die sich entgegenzustellen vermag, die sich nicht allein auf Statistiken beruft, obwohl auch sie das Postfaktische bekämpft. Rückgrat zeigen. Die Wirbelsäule aufrecht. Doch was heißt "aufrecht" in der heutigen Zeit? Was bedeutet Haltung für eine Gesellschaft, die mit Begriffen wie "Unterwerfung" ins Geschehen eingreift, wenn sie sich selbst zu verorten versucht?

2016 war das Jahr der großen Umkehr. Der Umkehr von der Umkehr, auf die sich Europa nach dem Zweiten Weltkrieg gemacht hatte. Der Umkehr von einer humanen Flüchtlingspolitik, die verspottet wird, sobald einer der Hunderttausenden den Schutz missbrauchte, der ihm gewährt wurde. Die meisten sprechen nach Terroranschlägen nicht über professionellere Terrorbekämpfung, sondern über inhumanere Flüchtlingspolitik. Nein, das ist nicht dasselbe. Braucht es Mut, das zu sagen? Menschen, die in einem Land, das seine christlichen Werte verteidigen möchte, anderen Menschen Hilfe leisteten, mussten sich dieses Jahr fragen lassen, ob ihre Nächstenliebe dem Terror Tür und Tor geöffnet hat. Ich möchte nicht raten müssen, welche Fragen das nächste Jahr hervorbringt - wenn nichts dagegen gesagt wird.

Es war das Jahr der Umkehr einer Weltgemeinschaft, die geschworen hatte: "Nie wieder Sarajevo". Doch nach Sarajevo kam Aleppo. Als vor wenigen Wochen die Menschen in Sarajevo aus Solidarität mit den Eingekesselten von heute auf die Straße gingen, war das nicht mehr wert als eine Meldung. Bereits 2015 hatten sich dort 65 000 Menschen bei einer Freiluftmesse versammelt, um Papst Franziskus zu sehen. Er sagte, aus Sarajevo müsse ein Schrei zu hören sein: "Nie wieder Krieg!" Die Menschen in Sarajevo haben geschrien. Der Krieg in Aleppo wurde geführt als hätte es den Schrei nie gegeben. Nach welchen Gesetzen werden Menschen auf der Straße gehört und andere nicht?

Den Kopf auf morgen richten, nicht auf gestern. Das geht nur, wenn der Kopf aufrecht bleibt

Es war das Jahr des Abschieds von einer Türkei auf dem Weg zu einer Demokratie innerhalb der EU. Während ich das hier schreibe, beginnt für eine Autorin und Menschenrechtsaktivistin in der Türkei der Prozess. Asli Erdoğan saß seit August 2016 im Gefängnis, nun ist sie zwar aus der Untersuchungshaft entlassen worden, aber der Prozess wird im Januar fortgesetzt. Gutachten verschiedener Juristen ordnen die Anklage als rechtswidrig ein. Auch hier gibt es eine Mahnwache. Der PEN, der Börsenverein des Deutschen Buchhandels und zahlreiche Kollegen senden Schreie in die Welt aus. Es bleibt offen, ob sie gehört werden. Es war ein Jahr, in dem das geschriebene Wort wieder gefürchtet wurde; das wäre ein gutes Zeichen, wenn die Schreibenden dafür nicht mit ihrer Freiheit zahlen müssten.

Es war das Jahr des Abschieds für jene, die an das Selbstverständnis der USA als diverses, liberales Land glaubten. White supremacy statt diversity. Auf den ersten schwarzen Präsidenten folgt einer, der Alec Baldwin noch zu Weltruhm verhelfen wird. Der Schauspieler Baldwin muss nun bei "Saturday Night Life" einen Twitter-Nerd imitieren, der seine künftige Atompolitik in 140 Zeichen in die Welt posaunt, noch bevor er im Amt ist. Während Obamas erste politische Handlungen darauf abzielten, die atomare Aufrüstung zu beenden, liest man jetzt wieder, welche Länder auf die geplante Aufrüstung ihrerseits mit Aufrüstung reagieren werden.

Es war das Ende einer Europäischen Union, wie wir sie kannten. Es ist, als hätte sich ein Blatt nach dem anderen gewendet. Wenn 2016 das Jahr der Umkehr und der Abschiede war, sollte 2017 das Jahr der Haltung werden. Die Gesellschaft muss einen Weg finden, den Rückschritt aufzuhalten. Im Gestern waren wir schon. Die Haltung, die dem größten Teil Europas jahrzehntelang Frieden brachte, war eine, die unbeirrt in die Zukunft führte. Freihandel, Solidarität, Rechtsstaatlichkeit. Gemeinsame Ziele statt nationale. Minderheitenrechte. Der aufrechte Demokrat sollte die Wiederkehr der Zustände verhindern, denen er entkommen war. Es galt, Europa so weit von seinem schwächsten Jahrhundert zu entfernen wie möglich. Es entstand dabei eine Utopie Europa, ein Zustand, den uns andere Regionen der Welt vorwerfen, den aber die meisten hier schützen wollen. Das alles wurde jedoch nicht mittels Abschottung erreicht, sondern durch Öffnung. Das konsequente In-die-Zukunft-Gehen hat die Entwicklung beeinflusst. Überhaupt, das Gehen. Die Friedensmärsche. Die Menschenrechtsbewegung. Es waren alles Schritte nach vorn, die das Denken in starren Kategorien erschüttern sollten.

Nun ist es erschreckend still geworden. Der Gang auf die Straßen steht nicht mehr für Fortschritt. Viele sehnen sich zurück. Man kann aber nicht zurück, ohne das Errungene zu gefährden. Genauso wenig kann einer, der frei denken und sich frei bewegen gelernt hat, sich aus freien Stücken Fesseln anlegen. Das geht nur mit Gewalt. Und wird weltweit nur mit Gewalt erreicht. Thomas Bernhard schrieb in "Gehen": "Wenn wir gehen ..., kommt mit der Körperbewegung die Geistesbewegung. Diese Feststellung machen wir immer wieder, dass, wenn wir gehen, und dadurch unser Körper in Bewegung kommt, dann auch unser Denken in Bewegung kommt, das ja kein Denken war im Kopf. Wir gehen mit unseren Beinen, sagen wir, und denken mit unserem Kopf. Wir könnten aber auch sagen, wir gehen mit unserem Kopf". Es ist Zeit, wieder zu gehen. Sich in Bewegung zu setzen. Den Kopf auf morgen zu richten, nicht auf gestern. Es wird nur möglich sein, wenn der Kopf aufrecht bleibt. Und mit ihm der Gang.