Kolumbien Vergessene Schuld

Eine Kolumbianerin betet auf Knien in einem katholischen Gotteshaus in Cali. Die Kirche verfügt in dem lateinamerikanischen Land über eine einmalige Position: Alle Seiten respektieren sie.

(Foto: Luis Robayo/AFP)

Der Papst-Besuch wirft ein Schlaglicht auf die unrühmliche Rolle, die die Kirche in der gewaltgeprägten Geschichte des Landes gespielt hat - und die bis heute nicht aufgearbeitet wurde.

Von Boris Herrmann, Rio de Janeiro

Die Wege des Herrn mögen unergründlich sein, doch bei den Reisewegen seines obersten Hirten gibt es einen klaren Trend, nämlich den zum Heimatbesuch. Franziskus, der erste Papst aus Lateinamerika, hat schon in Brasilien, Bolivien, Ecuador und Paraguay gepredigt, er war in Mexiko und auf Kuba, diese Woche kommt er nach Kolumbien und für 2018 ist bereits die apostolische Reise nach Chile und Peru gebucht. Was dabei auffällt: dass Franziskus trotz seines Latino-Faibles ausgerechnet sein Geburtsland meidet. Das muss aber nicht gegen Argentinien sprechen, es zeigt vielmehr, wie wichtig ihm die anderen Staaten der Region sind.

In Kolumbien löst der Papst ein Versprechen ein. Er hatte zugesagt, das Land zu besuchen, falls es gelingen würde, den über fünf Jahrzehnte alten Bürgerkrieg zu beenden, den ältesten bewaffneten Konflikt der westlichen Hemisphäre. Mit dem Friedensvertrag zwischen der Regierung und der Farc-Guerilla hat sich diese Bedingung formell erfüllt. Im Mittelpunkt dieser Papstreise soll nun die Versöhnung stehen - tatsächlich wird sie von gewaltigen Spannungen begleitet.

Traditionell pflegt der Klerus eine schwierige Nähe zu den Großgrundbesitzern

Die rechtskonservative Opposition, angeführt von Ex-Präsident Álvaro Uribe, wettert mit wachsendem Erfolg gegen die Friedensbemühungen von Amtsinhaber Juan Manuel Santos. Franziskus kommt in einer möglicherweise entscheidenden Phase nach Kolumbien. Eine Phase, in der es darum geht, ob sich die Freunde oder die Gegner dieses Friedens durchsetzen. Und falls der Papst hier Einfluss nehmen will, dann kann er direkt in seiner eigenen Kirche anfangen.

Die kolumbianische Bischofskonferenz ist bezüglich der Aussöhnung mit den Farc mindestens so zerstritten wie der Rest der Gesellschaft. Der Klerus pflegt traditionell eine Nähe zu den wirtschaftlichen Eliten, den Großgrundbesitzern. Kolumbiens Reichtümer sind bis heute etwa so gerecht verteilt wie in einem mittelalterlichen Fürstentum, und diese Eliten haben wenig Interesse daran, dass sich daran etwas ändert. Genau das ist aber die Grundidee des Friedensschlusses - sie besteht darin, dass der bewaffnete Konflikt nur dann dauerhaft beendet werden kann, wenn auch die zentrale Konfliktursache beseitigt ist: die himmelschreiende soziale Ungerechtigkeit.

Ein eher gemäßigter Flügel der Bischofskonferenz scheint das einzusehen. Er wird von dem neuen Vorsitzenden Oscar Urbina Ortega, dem Erzbischof von Villavicencio, repräsentiert. Dessen Stellvertreter Ricardo Tobón, Erzbischof von Medellín, hält allerdings mit seinem starken erzkonservativen Flügel dagegen. Laut Monika Lauer Perez, der Kolumbien-Referentin des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat, hat sich diese Spaltung zuletzt verschärft: "Vorher war die Idee vorherrschend: Wir können nicht gegen den Frieden sein." Und jetzt? Tritt die Kirche etwa gegen einen Frieden ein, der einen Bürgerkrieg mit weit über 200 000 Toten und sieben Millionen Flüchtlingen beendet? Das vielleicht nicht, jedenfalls nicht offiziell. Die kolumbianischen Bischöfe sprechen eher durch das, was sie nicht sagen. Etwa ein Wort der Entschuldigung in eigener Sache.

In den blutigen Fünfzigern war die katholische Kirche sogar selbst Kriegsakteur

Die Gründung der Farc und der Ausbruch des Bürgerkrieges in den 1960er-Jahren waren die unmittelbaren Folgen eines blutigen Jahrzehnts, das in Kolumbien unter dem Namen "La Violencia" (die Gewalt) bekannt ist. In dem Konflikt zwischen der liberalen und der konservativen Partei starben in den Fünfzigern mindestens 180 000 Menschen - und der Klerus war als Kriegsakteur dabei, indem er den Hass von der Kanzel predigte. Berühmtestes Beispiel ist das Gebot von Erzbischof Miguel Ángel Builes: "Liberale zu töten, ist keine Sünde!"

Anfang dieser Woche gab es in Bogotá eine Veranstaltung, bei der sich ein kleines Grüppchen von Priestern traf, um unter anderem für den Hassprediger Builes öffentlich um Verzeihung zu bitten. Der Jesuiten-Pater Javier Geraldo erklärte gegenüber der lokalen Presse: "Unsere Kirche hat eine Verantwortung, der sie sich endlich stellen muss." Geraldo sagte aber auch, es sei natürlich nicht möglich gewesen, für dieses öffentliche Bußgebet die Unterstützung der Amtskirche zu bekommen.

Die Kirche könnte in dem Dauerkonflikt eine einmalige Position ausspielen, denn sie wird als einzige Institution von allen Konfliktparteien respektiert. Von den Latifundisten und den Kleinbauern, von den Soldaten, den Paramilitärs und den Guerilleros, von den Kleindealern und den Drogenbossen. Und auf der Ebene der Pfarreien leisten Geistliche tatsächlich einen zentralen Beitrag zum Frieden. Unbestritten ist auch, dass die katholische Kirche eine wichtige Mittlerrolle bei den Verhandlungen zwischen der Regierung und den Farc spielte. Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der kolumbianische Klerus auch nach dem Ende der Violencia eher als Kriegstreiber denn als Friedensstifter auftrat. Etwa indem er im Namen des Anti-Kommunismus zur Verfolgung der Guerilleros aufrief und zumindest tendenziell die Massaker der paramilitärischen Einheiten rechtfertigte.

Eine der spannendsten Fragen dieses Papstbesuchs ist deshalb: Wird die kolumbianische Kirche in irgendeiner Weise um Verzeihung bitten? Wohl eher nicht, glaubt Expertin Lauer Perez. Zwar habe der Vorsitzende der Bischofskonferenz einen entsprechenden Vorschlag eingebracht, konnte sich damit aber gegen seine Gegner offenbar nicht durchsetzen. Denkbar ist natürlich, dass der Papst sich entschuldigt. Er ist nicht unbedingt dafür bekannt, dass er predigt, was Bischofskonferenzen zuvor beschlossen haben. Wenn Franziskus die Versöhnung Kolumbiens voranbringen will, dann wird er dafür einen innerkirchlichen Streit riskieren müssen.