Nach der Befreiung Ingrid Betancourts gilt er in seinem Land als Superman und Hoffnungsträger: Kolumbiens Präsident Uribe hat die Farc-Guerilla fast besiegt - die Gründe für ihren Kampf bestehen trotzdem weiter.
Clark Kent ist ein Mann, der äußerlich nicht viel hermacht. Er trägt einen unauffälligen Anzug, Brille, Kurzhaarschnitt, ist eher verschlossen und wirkt nicht besonders auf Frauen. Und doch steckt in ihm die Kraft, die Welt zu retten. Clark Kent ist die bürgerliche Tarnexistenz des Comic-Helden Superman.
Bild vergrößern
Kolumbiens Präsident Alvaro Uribe begrüßt Ingrid Betancourt in Bogota (© Foto: AFP)
Anzeige
Álvaro Uribe ist klein, hager und blass, und irgendwie erinnert er an Clark Kent. Für die Kolumbianer ist er nach der Befreiung von Ingrid Betancourt nun Superman.
Niemand in Kolumbien bezweifelt, dass Uribes Umfragewerte künftig alle Rekorde brechen werden. Er war vorher schon der beliebteste Präsident Kolumbiens aller Zeiten, weil er die Straßen sicherer gemacht hat. Die Rettung der berühmtesten Geisel der Welt durch ein Husarenstück im Urwald nährt jetzt die Hoffnung, dass der südamerikanische Superman auch den Dreh finden könnte, den mehr als 50 Jahre alten Bürgerkrieg zu beenden.
Wer kann es schaffen, wenn nicht dieser so unauffällige, wie unerbittliche Präsident? Wen kümmert jetzt noch, dass Uribes Wiederwahl 2006 möglicherweise nur mit gekauften Stimmen möglich wurde? Wen interessieren die Parlamentarier, die beschuldigt werden, mit Drogenhändlern zu kooperieren? Wer will gerade jetzt Vergleiche ziehen mit Perus Ex-Präsident Alberto Fujimori, der in Lima vor Gericht steht, weil er einen schmutzigen Antiterrorkrieg führte? Wer forscht nach den Kontakten Uribes zu Paramilitärs? Selbst die Meldung, dass der Kokainanbau eher zu- als abnimmt, geht im Jubel unter.
Als Uribe im Moment seines bislang größten Triumphes vor die Presse trat, zeigte er wie üblich kaum äußere Regung. Nur die Pausen zwischen den wenigen Sätzen ließen erahnen, welcher Stolz in ihm bebte. Er schilderte kurz, wie schwer es für ihn gewesen sei, angesichts des Leids der Geiseln immer bei einer harten Linie zu bleiben. Dabei bestärkt hatte ihn aber nicht zuletzt Betancourt selbst.
Die frühere Präsidentschaftskandidatin eines grün-bunten Bündnisses und den konservativ-neoliberalen Präsidenten eint politisch fast nichts - außer der Überzeugung: Geiselnahme darf sich nicht lohnen. Die Gefangene hatte in einem Lebenszeichen aus dem Urwald klargestellt, dass sie nicht ausgetauscht werden wollte gegen inhaftierte Farc-Kämpfer. Europäische Vermittler wie Nicolas Sarkozy, der sogar die Aufnahme von freigelassenen Rebellen anbot, haben das nie verstanden. Sie waren zum Scheitern verurteilt, weil sie die Gesetze des Dschungels nicht kennen.
Die "Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens" (Farc) sind nach dem Verlust ihrer teuersten Geisel dem Ende nahe. Uribe hatte die Befreiung mit gezielten Schlägen vorbereitet. Er ließ Farc-Sprecher Raúl Reyes im ecuadorianischen Dschungel ermorden. Er nahm dafür einen Konflikt mit dem Nachbarland ebenso in Kauf, wie die Klagen der Angehörigen, die Militäraktionen stets ablehnten, weil es dabei schon oft Tote gab.
Diesmal fiel kein Schuss. Die Armee hat aus Fehlern gelernt, das signalisiert den Farc, dass ihre Strategie, lebende Schutzschilde zu benutzen, kaum noch Erfolg verspricht. Militärisch haben die Rebellen den von den USA geschulten Elite-Soldaten ohnehin wenig entgegenzusetzen.
Immer öfter kamen in letzter Zeit erschöpfte Kämpfer aus dem Urwald, um sich zu ergeben. Sie spüren, dass ihr Widerstand ein Anachronismus ist, dass eine marxistische Guerilla in einem intellektuell wachen und wirtschaftlich agilen Land wie Kolumbien im 21. Jahrhundert keine Zukunftsvision mehr weckt.
Doch die extremen sozialen Schieflagen, die zur Gründung der Farc einst führten, bestehen weiter. Ein großer Teil der Kolumbianer lebt weiterhin in bitterer Not und hat nichts vom Aufschwung des Landes. Es ist fraglich, ob der Krieger Uribe die Phantasie besitzt, einen friedlichen Ausgleich zwischen Arm und Reich zu vermitteln. Das ist die Kehrseite seiner Härte. Superman ist eben kein Reformer.
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
(SZ vom 04.07.2008/aho)
Youtube-Hit aus USA
Ich denke das dieser Artikel etwas weg von der Realität in Kolumbien ist. Diese Regierung in Kolumbien hat nun eine Politik wo es nach Prioritätenrheinfolge agiert wird. Die Armen und diejenigen die in kolumbien Leiden, tuen es meistens weil es Paramilitär- und Guerrillagruppen gibt. Die meiste Armut ist mit Gewalt auf dem Land im zusamennhang.
Auch Uribe hat sich mehrmals geäussert für ein Friedensprozess mit der FARC wo sie dann die Ideen zur kampf gegen Ungerechtichgkeit durchführen können. Die aussage das die Kolumbianer weg von der REalität blicken ist meiner Meinung nach total falsch.
Es wuerde mich sehr interessieren ob Sie in Kolumbien gelebt haben. Dies ist ein unglaublicher Fortschritt fuer Kolumbien. Ich selbst bin dort aufgewachsen. Es ist ein riesen Erfolg, dass Ingrid Betancourt freigelassen worden ist.
Ein harter Tag für die linken SZ Leser.
Um so nah an der wichtigsten Geisel der FARC zu sein wie es die kolumbianischen Soldaten waren, mussten sie die FARC Jahre infiltriert und zum engsten Kreis der Guerrilla gehört haben.
Wer hat also die Verhandlungen der vergangenen Jahre immer wieder scheitern lassen?
Kann es sein, dass Ingrid Betancourt schon längst frei gekommen wäre, hätten die "falschen Guerrilleros" nicht ihren Einfluss geltend gemacht?
Ohne Zweifel hätte Uribe nicht zugelassen, dass der Erfolg einer Befreiung Chavez, Sarkozy oder sonst jemandem zugeschrieben wird. Nur seine, militärische, Strategie durfte von Erfolg gekrönt sein.
Und diese "militärische" Strategie wird weitergehen: Morde, Folter, Vertreibungen. Nun erneut und verstärkt legitimisiert.
Für die kolumbianische Friedensbewegung sieht es nun noch düsterer aus.
Doch die extremen sozialen Schieflagen, die zur Gründung der Farc einst führten, bestehen weiter. Ein großer Teil der Kolumbianer lebt weiterhin in bitterer Not und hat nichts vom Aufschwung des Landes. Es ist fraglich, ob der Krieger Uribe die Phantasie besitzt, einen friedlichen Ausgleich zwischen Arm und Reich zu vermitteln. Das ist die Kehrseite seiner Härte. Superman ist eben kein Reformer.
Schön, dass wir darüber gesprochen haben - dem Staatsterroisten Uribe sei an diesem Ausgleich auch nur das geringste gelegen, ist ein Eupehmismus der besonderen Art.
Als 1948 Gaitán, der aussichtsreichste Kandidat der kurz bevorstehenden Präsidentschaftswahl, ein Hoffnungsträger vor allem für die ärmeren Bevölkerungsschichten, erschossen wurde, wurde der Staatsterrorismus in Kolumbien geboren. Bis 1958 forderte dieser Terror der herrschenden Schichten 300.000 Tote. Mit Hilfe der Amerikaner wurde - wie weltweit - die vorgebliche "kommunistische Gefahr" beschworen, dabei war die Unnachgiebigkeit des Staates einer der Gründe, weshalb es zum bewaffneten Aufstand der Bauern kam und die FARC entstand und Forderungen nach einer Agrarreform. Damals lebten 70 Prozent der Kolumbianer auf dem Land. Der Kampf um Grund und Boden, der einen kleine kolonialen Oligarchie gehörte, war eines der wichtigsten Anliegen der Kleinbauern und deswegen auch das am stärksten verfolgte Ziel der FARC-Guerilla.
Dieser Staatsterrorismus taufte sich in den achtziger Jahren »Doktrin der Nationalen Sicherheit«. Heute nennt ihn der aktuelle Staatschef »Demokratische Sicherheit«. Zu Beginn der 80er Jahre wurde in den Medien auf einmal verbreitet, die Guerilla hätte ihren politischen Kampf aufgegeben, sei nur noch im Drogenhande tätig. Dabei wurde der US-Botschafter in Kolumbien, Lewis Tambs wenige Jahre später an der Seite von US-General Oliver North in der Iran-Contra-Affäre selbst als Drogenhändler entlarvt. Er setzte den Begriff der »Narcoguerilla« in die Welt. Heutzutage ist »Terrorist« das Modewort, um Aufständische zu diffamieren. Uribe ist der Statthalter der Oligarichie und der USA, von ihm haben die Kolumbianer gar nichts zu erwarten.