Kolumbien Eine Wahl zwischen Vergeltung und Versöhnung

Das Land ist gespalten über das mühsam erreichte Friedensabkommen mit den Rebellen. Wie es damit weitergeht, entscheidet sich auch bei der Präsidentenwahl am Sonntag.

Von Boris Herrmann, Rio de Janeiro

Im September 2016 sah es für einen Moment so aus, als könnte in Kolumbien eine neue Zeit beginnen. Eine Ära, die ausnahmsweise nicht von der Konfrontation, sondern vom Konsens geprägt sein würde. Die kolumbianische Regierung und die Farc, die älteste Guerilla Lateinamerikas, hatten sich nach fünf Jahrzehnten Bürgerkrieg und vier zähen Verhandlungsjahren auf einen historischen Friedensschluss geeinigt. Humberto De la Calle, der Mann der dieses Abkommen im Auftrag der Regierung federführend ausgehandelt hatte, sagte bei der feierlichen Unterzeichnung: "Es ist vielleicht kein perfekter Vertrag, aber es ist der bestmögliche Vertrag."

Auf internationaler Bühne konnte sich vor allem Präsident Juan Manuel Santos mit diesem Vertrag profilieren, Ende 2016 erhielt er dafür den Friedensnobelpreis. In Kolumbien selbst galt derweil sein Chefunterhändler De la Calle als das Gesicht dieses Friedens. Viele sahen in ihm den logischen Nachfolgekandidaten für Santos, dessen Präsidentschaft nun nach zwei Amtszeiten verfassungsgemäß endet.

In letzten Umfragen vor dem ersten Wahlgang an diesem Sonntag lag der Konsenskandidat Humberto De la Calle, 71, aber unter allen verbleibenden fünf Bewerbern auf dem letzten Platz. Seiner Präsidentschaftskampagne erging es zuletzt so ähnlich wie dem gesamten Friedensprozess, das vorherrschende Gefühl war: Desillusionierung. Demoskopen räumen De la Calle keinerlei Chancen ein, die für Mitte Juni angesetzte Stichwahl zu erreichen.

Es ist die erste kolumbianische Präsidentschaftswahl nach einem scheinbar endlosen Gemetzel mit mindestens 220 000 Toten und sieben Millionen Vertriebenen. Aber der Friedensschluss hat diese kriegsmüde Gesellschaft nicht wie erhofft zusammengeführt, sondern weiter gespalten. Die zwei aussichtsreichsten Präsidentschaftskandidaten repräsentieren die beiden Extreme dieses Zerwürfnisses.

In der rechtspopulistische Ecke: Iván Duque, 41, von der konservativen Partei Centro Democrático, die von dem ehemaligen Präsidenten Álvaro Uribe gegründet wurde - und die er bis heute kontrolliert. Uribe ist populärster Gegner des Friedensabkommens mit der aufgelösten Farc-Guerilla. Auf sein Betreiben haben sich die Kolumbianer im Oktober 2016 in einem Referendum gegen diesen Frieden ausgesprochen. Die "Uribisten" sind der Meinung, dass die ehemalige Führungsriege der Farc angesichts ihrer Verbrechen im Bürgerkrieg ins Gefängnis gehört und nicht, wie im Friedensvertrag ausgehandelt, als politische Bewegung weitermachen darf. Ohne diese Zusage aber wäre es nie zu einem Waffenstillstand in Kolumbien gekommen. Darauf bezog sich De la Calle, als er vom "bestmöglichen Vertrag" sprach. Duque will dieses Abkommen im Falle eines Wahlsieges nicht komplett abschaffen, wohl aber "stark modifizieren". Er ist Kandidat all jener Kolumbianer, deren Wunsch nach Vergeltung größer ist als die Bereitschaft zur Versöhnung. Nach Lage der Dinge handelt es sich dabei um eine Mehrheit. Manche Analysten glauben sogar an einen Sieg Duques im ersten Wahlgang mit absoluter Mehrheit.

Der sowieso umstrittene Friedensprozess wird noch komplizierter

Sein mutmaßlich härtester Widersacher, Gustavo Petro, 58, kommt aus der linkspopulistischen Ecke. Von 2012 bis 2015 war er Oberbürgermeister der Hauptstadt Bogotá, aber in den Augen seiner konservativen Kritiker ist er immer noch der Ex-Guerillero. In den 1980er-Jahren hatte er sich der Rebellengruppe M19 angeschlossen. Er wurde verhaftet, saß zwei Jahre im Gefängnis und ging danach in den Untergrund. Petro gilt zwar als Befürworter des Friedens mit der Farc, gleichzeitig führt er aber einen lauten Wahlkampf gegen eben jenes Establishment, das aus seiner Sicht die Friedensmacher Santos und De la Calle repräsentieren. Die Uribisten vergleichen ihn mit Hugo Chávez und prophezeien, dass sich die Kolumbianer unter Petros Kommando auf venezolanische Verhältnisse einstellen müssten. Dahinter mag eine perfide Angstkampagne stecken. Nicht zu leugnen ist aber, dass auch Gustavo Petro kein Versöhner, sondern ein Zuspitzer ist.

Die Umsetzung des ohnehin höchst umstrittenen Friedensprozesses dürfte sich sowohl mit Duque als auch mit Petro weiter verkomplizieren. In einem offenen Brief warf Humberto De la Calle beiden Konkurrenten vor, die Chance auf eine friedliche Zukunft mutwillig aufs Spiel zu setzen. Wenig später räumte er ein, dass dieser Brief seine Wahlchancen weiter geschmälert habe.