Kolumbien Der bestmögliche Frieden

Nach fünf Jahrzehnten des bewaffneten Kampfes steht Kolumbien vor einem Wendepunkt in seiner Geschichte. Doch der herbeigesehnte Waffenstillstand zwischen Staat und Rebellen garantiert noch lange keine Versöhnung.

Von Boris Herrmann

Als die Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens, kurz Farc genannt, ihren bewaffneten Kampf begannen, hieß der deutsche Bundeskanzler Ludwig Erhard. Es lief die erste Saison der Fußball-Bundesliga, die internationalen Charts wurden von fünf Liedern der Beatles dominiert, und der Mond schien für den Menschen unerreichbar zu sein. 1964 war das. Der inflationär verwendete Begriff von einem "historischen Ereignis" ist also ausnahmsweise angemessen, wenn die Anführer der Rebellen nun einen dauerhaften Waffenstillstand mit dem kolumbianischen Staat unterzeichnen. Die älteste, größte, gefürchtetste Guerillabewegung Lateinamerikas stimmt damit ihrer Auflösung als Kriegspartei zu.

Kolumbien steht vor einem Wendepunkt in seiner Geschichte, nach fünf Jahrzehnten einer brutal geführten Schlacht, in der mindestens 220 000 Menschen getötet, sechs Millionen vertrieben wurden und 45 000 verschwanden. Die feierliche Unterzeichnung des Abkommens im kubanischen Havanna ist noch kein endgültiger Friedensvertrag, aber der größte und schwerste Schritt auf dem Weg dorthin.

Ein Leben ohne die alltägliche Gefahr, zwischen die Fronten linker Guerilleros, rechter paramilitärischer Gruppen und Einheiten der Armee zu geraten, kennen in Kolumbien nur Menschen im Rentenalter. Zwar hatten viele Kolumbianer Frieden prinzipiell für möglich gehalten, aber es gab auch das ebenso große Lager der Zweifler. Der 23. Juni 2016 könnte als der Tag in Erinnerung bleiben, an dem die Optimisten siegten.

Geständige Kämpfer erhalten eine Amnestie. Das ist ein hoher Preis

Doch bei allem berechtigten Applaus für die hartnäckige Friedensdiplomatie von Präsident Juan Manuel Santos gibt es noch wenig Anlass zur Euphorie. Nach dem Durchbruch von Havanna wird es in Bogotá erst richtig kompliziert. Die kolumbianische Gesellschaft steht vor dem Problem, dass es deutlich einfacher ist, weiter zu hassen, als zu verzeihen. Nach den Plänen von Präsident Santos sollen die etwa 7000 übrig gebliebenen Untergrundkämpfer der Farc in naher Zukunft unter Aufsicht der Vereinten Nationen ihre Waffen niederlegen - und dann ganz normale Bürger werden. Aber das ist nicht so einfach.

Farc-Krieger haben über Jahrzehnte Tausende Menschen getötet, Abertausende Bauern von ihrem Land vertrieben - und jetzt kommen sie wohl größtenteils ohne Gefängnisstrafe davon. Denn die Regierung Santos hat sich mit den Anführern der Guerilleros auf eine Übergangsjustiz geeinigt. Sie sieht für geständige Täter eine "möglichst weitgehende Amnestie" vor. Das ist ein schmerzlicher Kompromiss und ohne Zweifel eine Zumutung für einen großen Teil der kriegsgeplagten Bevölkerung. Deshalb ist auch keineswegs sicher, dass die Mehrheit der Kolumbianer in einem geplanten Referendum den Beschlüssen von Havanna zustimmen wird. Auf Santos wartet deshalb vor allem Überzeugungsarbeit. Ohne Schmerzen aber wäre dieser Waffenstillstand nie zustande gekommen. Das muss er schlüssig erklären.

Es ist nicht der beste Frieden, aber wohl der bestmögliche in einem Land, in dem der Krieg fast schon zur nationalen Identität zu gehören schien. Pessimisten wie der ehemalige Präsident Álvaro Uribe wettern trotzdem lautstark gegen dieses Abkommen; die Rede ist von einem Kniefall vor dem Terrorismus. Aus Sicht Uribes wäre es deutlich besser gewesen, die Guerilla so lange zu bekämpfen, bis sie alle Bedingungen des Staates akzeptiert hätte. Seine fragwürdige Alternative lautet, vereinfacht gesagt: weiterschießen, weiterbomben, weitermorden. Es ist das historische Verdienst von Staatschef Santos, dass er sich für die andere Alternative entschieden hat. Noch ist schwer absehbar, wie Kolumbiens Zukunft aussehen wird. Aber sie dürfte allemal besser sein als der Horror der vergangenen fünf Jahrzehnte.