Kolumbien Adios Bürgerkrieg

Nach einem halben Jahrhundert ist Kolumbien offenbar reif für den Frieden. Die Farc-Rebellen wollen sich wandeln.

Von Sebastian Schoepp

Seit mehr als einem halben Jahrhundert tobt ein Bürgerkrieg in Kolumbien. Nun könnte er in nur sechs Monaten vorbei sein. In Havanna präsentierten Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos und der Anführer der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (Farc), Rodrigo Londoño, genannt Timoleon oder Timochenko, eine Erklärung, die Grundlage für einen Frieden sein soll. Das Abkommen soll im März 2016 unterzeichnet werden, verbunden mit einer Volksabstimmung. Es soll ein "definitives Adiós für den längsten Krieg Amerikas" sein, sagte Santos.

Dann taten Santos und Timochenko etwas, das lange keinem kolumbianischen Präsidenten und keinem Guerrilla-Führer in den Sinn gekommen wäre: Sie reichten sich die Hand. Auch Kubas Präsident und Gastgeber Raúl Castro gesellte sich aufs Foto, er hatte den Verhandlungen beigewohnt. Kuba und Norwegen sind Garantiemächte für den Frieden. Die Vereinbarung war in dreijährigen Gesprächen in Oslo und Havanna ausgehandelt worden. Oberster Friedensstifter aber war Papst Franziskus, der Kuba gerade verlassen hat. Man handele in seinem Sinne, sagte Santos.

Kriegsverbrechen sollen geahndet werden - egal, wer sie begangen hat

Kernpunkt des Abkommens ist, dass die Farc aufhören, eine Rebellentruppe zu sein und sich zu einer politischen Bewegung wandeln. Sechs Monate haben sie Zeit, ihre 7000 bis 9000 Kämpfer zu entwaffnen. Hart verhandelt worden war, was mit den vielen Kriegsverbrechern geschehen soll. Nun steht fest, dass es zwar eine Amnestie für politische Aktivitäten geben soll, aber keine Straffreiheit für Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Geiselnahme, Folter, Vertreibung, illegale Hinrichtungen und sexuelle Gewalt. Wer kooperiert und gesteht, muss mit fünf bis acht Jahren Haft rechnen. Alle anderen mit 20.

Zur Aburteilung werden Gerichtshöfe eingerichtet, denen "unsere qualifiziertesten Richter vorsitzen", wie Santos versprach. Er hob hervor, dass nicht nur Farc-Mitglieder abgeurteilt würden, sondern jeder, der an dem Konflikt teilgenommen und Verbrechen begangen habe - auch staatliche Agenten, Offiziere und Soldaten. Santos schloss, dies sei ein Meilenstein, nicht nur für Kolumbien und Amerika, sondern für die Welt. Er zeige, wie man Konflikte beenden könne. Rebellenführer Timochenko sagte, er sei äußerst zufrieden. Er versprach, alle Anstrengungen zu unternehmen, damit die Vereinbarung umgesetzt werden könne.

US-Außenminister John Kerry lobte die Vereinbarung als "historischen Fortschritt". Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier erklärte, die "schwersten Hürden" für einen Friedensschluss seien weggeräumt. Deutschland werde bei der "großen Aufgabe der Übergangsjustiz" behilflich sein. Allerdings gibt es auch kritische Stimmen, vor allem von Menschenrechtsgruppen, die auf gescheiterte Friedensvereinbarungen in der Vergangenheit verweisen - sowie das extreme Misstrauen auf beiden Seiten und den bestehenden Gegensatz zwischen Arm und Reich.

Das Misstrauen ist in Generationen gewachsen. Der Bürgerkrieg begann Ende der Vierzigerjahre nach der Ermordung des liberalen Politikers Jorge Eliécer Gaitán beim sogenannten "Bogotazo", der in einen bewaffneten Konflikt mündete. Im Prinzip war es ein Kampf Stadt gegen Land, arme Bauern gegen Söldner der Großgrundbesitzer und Konzerne. 1964 gründeten Aufständische die Farc. Anfangs waren sie bei der Landbevölkerung beliebt, überfielen die Milchwagen und verteilten die Ladung, agierten als Schutzmacht der Bauern. Doch im Laufe der Jahrzehnte rüsteten sie immer mehr auf, Farc und rechtsgerichtete Paramilitärs standen sich in einem äußerst brutalen Kampf gegenüber, dazwischen agierte die Armee - nicht weniger brutal. 220 000 Menschen starben, Millionen wurden vertrieben. Seit einigen Jahren finanzieren sich die Farc durch Drogenhandel. Ihre weltweit spektakulärste Tat war die Entführung der Politikerin Ingrid Betancourt. In letzter Zeit zeigten sich die Kämpfer jedoch kriegsmüde, viele wollten lieber am kolumbianischen Wirtschaftswunder teilhaben, als im Urwald zu kämpfen.

"Die Stunde des Friedens ist gekommen", sagt Kolumbiens Präsident Santos (l.) beim Händedruck mit Rebellenführer Timochenko. In der Mitte: Raúl Castro.

(Foto: Luis Acosta/AFP)