Am Donnerstag hält Horst Köhler seine erste Berliner Rede. Als Thema hat er Bildung gewählt. Vom Kindergarten bis zur Hochschule: Wo es in Deutschland brennt.
Roman Herzog hat die Berliner Rede 1997 eingeführt ("ein Ruck muss durch unser Land gehen"), sein Nachfolger Johannes Rau hat jedes Jahr seiner Amtszeit eine gehalten (u.a. zu Globalisierung und Gentechnologie). Bundespräsident Köhler ließ sie 2005 ausfallen und hält nun am Donnerstag seine erste Berliner Rede, die er dem Thema Bildung widmen wird.
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sueddeutsche.de hat Schüler- und Studentenvertreter, Hochschulen und Lehrerverbände, Parteien, Gewerkschaften und Arbeitgeber gefragt, wo es im deutschen Bildungswesen Defizite gibt und wo sie Handlungsbedarf sehen. Die folgenden Punkte wurden am häufigsten genannt:
Chancengleichheit: Soziale Herkunft und Bildungsabschluss sind in Deutschland eng verknüpft. Während die einen Bildung anhäufen, geraten Kinder aus bildungsfernen Familien früh aufs Abstellgleis. Sie schaffen den Sprung in die höheren Schulen nicht. So haben Kinder aus der höchsten sozialen Schicht eine viermal so hohe Chance, das Gymnasium zu besuchen, wie Kinder aus Facharbeiter-Familien.
Im internationalen Vergleich erreichen nur wenige Kinder eine Hochschulzugangsberechtigung. Ihr Anteil unter allen Schulabgängern liegt in Deutschland bei 38,8 Prozent. Im OECD-Mittel sind es 67,7 Prozent.
Integration von Migranten: Kinder aus Einwandererfamilien stehen auf allen Bildungsstufen schlechter da. Ihnen gelingt es nur schwer, den Sprung auf eine höher qualifizierende Schule zu schaffen. Selbst bei gleich guten Leistungen gehen sie seltener auf ein Gymnasium, wie ein Bildungsbericht der Kultusministerkonferenz zeigt.
Im OECD-Vergleich steht Deutschland schlecht da: Andere Länder fördern Ausländerkinder wesentlich stärker.
Frühe kindliche Bildung: Eine frühe Förderung käme vor allem Kindern aus bildungsfernen Familien zugute.
Wie der Bericht "Bildung in Deutschland" der Kultusministerkonferenz zeigt, gibt es hier Nachholbedarf: Denn zurzeit gehen Kinder von Eltern mit niedrigem Bildungsabschluss und aus ausländischen Familien seltener in den Kindergarten.
Die OECD kritisiert die geringen öffentlichen Ausgaben im Kindergarten-Bereich. Der durch private Gebühren finanzierte Anteil liegt mit fast 28 Prozent deutlich über dem anderer Länder. Das sei "bildungsökonomisch nicht erklärbar, da die gesellschaftlichen Erträge im Vorschulbereich besonders hoch sind und deswegen öffentliche Investitionen am ehesten rechtfertigen", heißt es im jüngsten Bildungsbericht der Organisation.
Individuelle Förderung: An deutschen Schulen gehen Kinder in der Masse unter. Viele Experten fordern, die individuellen Anlagen der Kinder frühzeitig intensiv fördern. Jedes Kind hat ein Recht darauf, dass seine Fähigkeiten und Talente gefördert werden, sagen die Grünen.
Mehr Akademiker: Deutschland bringt im internationalen Vergleich zu wenige Akademiker hervor. Zwar beginnen inzwischen 37 Prozent eines Jahrgangs ein Studium, in anderen Ländern sind es aber deutlich mehr: Im OECD-Mittel entscheidet sich mehr als jeder zweite für eine akademische Ausbildung.
Rolf Dobischat, Präsident des Deutschen Studentenwerks, fordert "eine zweite Exzellenzinitiative für bessere Rahmenbedingungen im Studium", um mehr Hochschüler zu gewinnen. Auch eine starke staatliche Studienfinanzierung sei dringend notwendig.
Nationale Bildungsstandards: Die Pisa-Studien haben es schwarz auf weiß gezeigt: Die Leistungen der Schüler variieren von Bundesland zu Bundesland. Auch die Integration schwächerer Schüler gelingt unterschiedlich gut.
Ludwig Eckinger vom Verband Bildung und Erziehung: "Eine nationale Bildungsstrategie und bundeseinheitliche Standards vom Kindergarten bis zur Hochschule sind unumgänglich".
Lebenslang lernen: Die OECD kritisiert, dass die Bereitschaft zur Weiterbildung in Deutschland überdurchschnittlich stark von der Erstausbildung und dem Status auf dem Arbeitsmarkt abhängt. Die Organisation fordert "größere Anstrengungen" bei allen Formen lebensbegleitenden Lernens.
Wie der nationale Bildungsbericht zeigt, sind jedoch in den vergangenen Jahren die Ausgaben der öffentlichen Hand und der Privatunternehmen für Weiterbildung drastisch gesunken.
Mehr Geld: Im internationalen Vergleich gibt Deutschland für Bildung wenig aus. Vor allem in die Grundschulen wird unterdurchschnittlich investiert. Die Linkspartei würde die Mittel in die Hochschulen, Weiterbildung und Kinderbetreuungsangebote stecken.
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