Von Thorsten Denkler, Berlin

Die Wiederwahl von Bundespräsident Horst Köhler verläuft erstaunlich gelöst - auch weil den Organisatoren im Bundestag ein Fehler im Protokoll unterläuft. Am emotionalsten reagiert seine Ehefrau.

Horst Köhler steht vor der leeren Regierungsbank im Bundestag, als wäre er soeben am Boden festgewachsen. Die Hände liegen an der Hosennaht, sein Blick ist geradeaus gerichtet, das Gesicht ist regungslos. Nur ab und zu schaut er nach oben zu seiner Frau Eva und seinen Kindern Jochen und Ulrike. Ein schmales Lächeln umspielt dann seine Mundwinkel. Er hat gerade im ersten Anlauf die Wahl zum Bundespräsidenten und damit eine zweite Amtszeit gewonnen. Jetzt wartet der 66-Jährige darauf, die Wahl annehmen zu können.

Bild vergrößern

Bundespräsident Horst Köhler nach seiner Wiederwahl. (© Foto: Reuters)

Anzeige

Zuvor hatte spontan Jubel und Gejohle eingesetzt, als Bundestagspräsident Norbert Lammert das Ergebnis für Köhler verkündete. 613 Wahlmänner und -frauen stimmten für den Kandidaten, der von CDU und FDP vorgeschlagen worden war. Das reichte für die absolute Mehrheit. Stehender Applaus erst von der rechten Seite des Hauses, dann auch - wie es sich gehört - von der linken Seite des Hauses.

Das Ergebnis war zu diesem Zeitpunkt schon keine Überraschung mehr. Per SMS ließ sich etwa Thomas Oppermann, der parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, informieren. Ein kurzes Kopfschütteln in Richtung der Parteioberen und alle wussten Bescheid.

Trost der Ministerpräsidenten

Spätestens als die SPD-Ministerpräsidenten Matthias Platzeck und Kurt Beck nacheinander ihrer Kandidatin Gesine Schwan in einer Anteil nehmenden Geste über den Oberschenkel strichen, war klar, dass es Schwan nicht mal in den zweiten Wahlgang schaffen würde.

Ein Fauxpas der Organisatoren machte dann auch den Delegierten in den letzten Reihen klar, dass sich - je nach Sicht - ihre Hoffnungen erfüllt hatten oder gerade wie eine Seifenblase zerplatzt waren.

Mehrere Minuten, bevor sich Lammert mit dem Ergebnis in der Hand hinter dem Pult des Bundestagspräsidenten aufstellte, brachten bereits Saaldienerinnen diverse Blumensträuße an die Plätze der Fraktions- respektive Parteichefs. Als auch das Bläserquartett begann, sich darauf vorzubereiten, die Nationalhymne zu spielen, war allen klar: Es gibt keinen zweiten Wahlgang, Köhler ist gewählt.

Gelächter kam auf, gemischt mit Applaus. Einige schlugen sich auch auf die Schenkel. Gesine Schwan lachte mit, drehte sich dabei zu ihren Genossen um. Sie war auf das Ergebnis vorbereitet. Blauäugig waren jene, die ihr an diesem Tag reelle Chancen einräumten, die Wahl zu gewinnen.

Jeder kann zufrieden sein

Später rannte sie als allererste breit lächelnd auf den wie angewurzelt stehenden Köhler zu, um ihm zu gratulieren. Sie musste dann aber auf halbem Wege stehen bleiben, weil Lammert doch noch nicht ganz fertig war.

Alles in allem hatte CDU-Politiker Lammert ein für alle tragbares Ergebnis zu verkünden. Köhler gewählt im ersten Wahlgang, der Fußballnachmittag mit dem spannenden Bundesligafinale gerettet. 503 Stimmen gab es für Gesine Schwan, 91 für Peter Sodann von der Linken. Und der Kandidat der Rechten bekam nicht mehr als die vier Stimmen, die NPD und DVU in die Bundesversammlung einbrachten - heute durfte jeder zufrieden sein.

Selbst Köhler erlaubt sich einen winzig kleinen Moment der Emotionalität. Gegen Ende seiner ersten Rede als wiedergewählter Präsident grüßt er seine Frau Eva oben auf der Besuchertribüne. Er blickt zu ihr hinauf, als er vor den 1223 Delegierten sagt: "Eva, jede Stunde ist ein Geschenk mit Dir." Sofort brandet Applaus auf nach diesem Satz. Einige wollen Tränen in den Augen von Eva Köhler gesehen haben.

Der Rest seiner Rede war so, wie viele andere seiner Reden zuvor. Deutschland sei stark, auch in der Krise. Er sei sich sicher, "dass wir es schaffen". Köhler wird offenbar da weitermachen, wo er mit seiner Rede am Freitag zu 60 Jahre Bundesrepublik Deutschland aufgehört hat.

Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: Die Pflicht zur Kür

Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...

(sueddeutsche.de/mati)