Es gab schon mal einen Ministerpräsidenten in Hessen, der eine Koalition kategorisch ausschloss - um später ein Bündnis mit dem Partner zu schließen, den er mit einer "Dachlatte verprügeln wollte". Ähnliches bahnt sich nun wieder an. Dies zeigt, dass die Parteimanager die Wahlarithmetik des Fünf-Parteien-Systems noch nicht wahrhaben.
Erinnern Sie sich noch an Holger Börner? Das war der hessische Sozialdemokrat und Regierungschef, der den Grünen eins mit der Dachlatte verpassen wollte. Wenig später ging er die erste rot-grüne Koalition auf Landesebene ein. Und seither ist es schlechter Brauch, vor Wahlen Koalitionen auszuschließen, die man hinterher eingeht.
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Die Spitzenkandidaten zur hessischen Landtagswahl, Roland Koch (CDU) und Andrea Ypsilanti (SPD) wollen nicht miteinander regieren(Archivaufnahme).Klicken Sie auf das Foto, um ihre potentiellen Partner in Hessen zu sehen (v.l.): Jörg-Uwe Hahn (FDP), Tarek Al-Wazir (Grüne) und Willi van Ooyen (Die Linke). (© Foto: dpa)
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Es ist natürlich legitim, wenn Parteien versuchen, die Wähler in ihrem Sinne zu manipulieren. Das tun sie immerfort, besonders vor Wahlen, wie vor vier Wochen in Hessen und jetzt in Hamburg. Aber wenn sie sich zu möglichen Koalitionen äußern, machen sie sich mittlerweile derart unglaubwürdig und lächerlich, dass man meinen könnte, sie wollten gar nicht regieren.
Wortbruch unumgänglich
Denn sie kündigen nach altem Muster - hier Rot-Grün, da Schwarz-Gelb - Bündnisse an, die rechnerisch nicht zur Regierungsmehrheit reichen. Und sie schließen genau jene Koalitionen aus, die allein nach der Wahl Mehrheiten bilden könnten. Mit der Tatsache, dass sich in Deutschland ein Fünf-Parteien-System etabliert, das die Wahlarithmetik der vergangenen Jahrzehnte erledigt hat, scheinen sich die Parteimanager noch nicht angefreundet zu haben.
Beispiel Hessen: Andrea Ypsilanti schloss vor der Wahl ein Bündnis mit der CDU Roland Kochs aus und wollte auch nicht mit Hilfe der Linken in die Staatskanzlei einziehen. Die FDP dagegen mochte nicht mit rot-grüner Hilfe auf Ministersessel steigen, und die Grünen schlossen aus, mit Schwarz-Gelb gemeinsame Sache zu machen - abgelehnt wurden mithin all jene Konstellationen, die das hessische Wahlergebnis hergab.
Und Frau Ypsilanti bleibt - wenn sie denn regieren will - keine andere Möglichkeit, als gegen ihre selbstformulierte Vorwahl-Bedingungen zu verstoßen. In Hessen wird wohl wieder gebörnert werden.
Beispiel Hamburg, wo wenige Tage vor der Wahl sämtliche Umfragen hessische Verhältnisse prognostizieren. Auch dort schließt SPD-Spitzenkandidat Michael Naumann, unisono mit Parteichef Beck, eine Machtübernahme mit Stimmen der Linken aus, die mit dem Schub der Zumwinkel-Affäre zur drittstärksten Kraft der Hansestadt werden könnten. Dass sein Kollege Wowereit in Berlin ordentliche Erfahrungen mit diesem Partner macht, blendet er vor dem Wahltag aus.
Kollege Ole von Beust, der vor gut sechs Jahren nicht die geringsten Skrupel hatte, sich vom gnadenlosen Richter Schill ins Amt hieven zu lassen, hat für die Linken eh nichts übrig und würde gerne mit der FDP oder den Grünen paktieren. Beide Optionen werden allerdings, wie in Hessen, mangels Masse wohl ausfallen.
Realistische Koalitionsfähigkeitsvermutung
Realistisch sind in beiden Bundesländern Große Koalitionen, Jamaika-Pakte oder rot-rot-grüne Bündnisse oder Tolerierungen. In Hamburg beispielsweise fordern 40 Prozent der Wähler bei einem Patt der alten Blöcke eine Große Koalition, 27 Prozent wünschen sich in diesem Fall Rot-Rot-Grün - alles keine einfachen Konstellationen, aber eben vom Wähler gewollt.
Es ist deshalb skurril bis absurd, wenn Parteien sich vor Wahlterminen aufschwingen und dem Wahlvolk öffentlich weismachen wollen, was gehen kann und was nicht, welche Stimme wiegt und welche weniger wert ist. Was politisch gewollt ist, entscheiden die Wähler. Und sie dürfen erwarten, dass ihr Wille anschließend vollstreckt wird, wie schlecht es auch in die taktischen Überlegungen der einen oder anderen politischen Vereinigung passen mag.
Besser wären die Parteien beraten - und damit glaubwürdiger -, wenn sie grundsätzlich von der Koalitionsfähigkeitsvermutung ausgingen: Jede demokratische Partei, die auf dem Boden des Grundgesetzes steht und in ein Parlament gewählt wird, muss prinzipiell als potentieller Partner gelten können. Wer sich diesem Wählerwillen verweigert oder sich, wie FDP und Grüne, in babylonische Bündnisgefangenschaften begibt, muss früher oder später mit politischer Strafe rechnen.
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
(sueddeutsche.de/grc)
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DDR-Funktionäre gibt es auch bei anderen PArteien, damit haben sie ohne Zweifel recht.
Allerdings läst sich wohl kaum behaupten, dass die anderen Parteien sich nicht klar dazu bekennen, die DDR-Vergangenheit ihrer Mitglieder aufzuarbeiten. Bei der Linken ist dies anders: Da sitzen selbst auf höchsten Positionen Subjekte, die schon dem Verbrecherregime der SED gedient haben.
Mir ist bei den anderen Parteien nicht bekannt, dass es unter den "großen Tieren" ehemalige Mitarbeiter von Stasi und MfS gäbe - bei der Linken schon! Sie verweigert auch ein klares Bekenntnis dazu, dass die Regierung der DDR unter der SED ein mordendes, freiheitsberaubendes, stehlendes/raubendes, folterndes Verbrecherregime war. Ebenfalls eine Einstellung, die es so bei den anderen Parteien nicht gibt...
Ändert aber natürlich an der meiner Aussage nix: Man kann sicherlich Koalitionen eingehen, auch wenn man sie nicht vorher so angekündigt hat. Hat man aber Gebetsmühlen-artig eine bestimmte Koalition oder auch nur Duldung immer wieder kategorisch ausgeschlossen, so wäre es Wählerverarsche eines ganz neuen Ausmaßes, das jetzt doch zu machen. Der Betrug am Wähler wäre vorallem so offensichtlich, da das Wahlergebnis so knapp war. Ohne die Stimmen jener SPD-Wähler, die ein Bündnis irgendeiner Art mit der Ex-SED nicht wollen und Frau Ypsilanti geglaubt haben und im Vertrauen hierauf gewählt haben, würde sich die Frage einer möglichen SPD/Grüne/SED-Koalition ja gar nicht stellen: Dann würde in Hessen aller Wahrscheinlichkeit nach weiterhin schwarz/gelb regieren! Ein solcher Wahlbetrug wäre also deswegen eine besondere Ohrfeige für den Wähler, da tatsächlich diese Lügen, niemals mit den Linken zu paktieren überhaupt erst die nötigen Stimmen für ein solches Bündnis brachten...
Das würde selbst Gazprom-Gerd's Lügen zur 2002er Wahl noch in den Schatten stellen (was nicht einfach wäre!!!).
Sich selbst in Not zu bringen, das scheint mir eine Politiker-Eigenschaft zu sein, eine fatale.
Ob vermeintlicher Vorteile willen, wird die politische Arbeit nach einer Wahl durch Aussagen vor einer Wahl erschwert oder sogar unmöglich gemacht.
Ein Mit- Kommentator schrieb zu diesem Thema, das sei Arbeitsverweigerung. Er hat Recht. Die gewählten Politiker haben nach der Wahl, spätestens mit Beginn der konstitutierenden Sitzung eines neuen Parlaments ihre Arbeit zu tun. Da stehen dann u.U. einschränkende Worte vor der Wahl im Weg. Da müssen sie dann aber durch, die Herren und Damen Politiker.
So auch Frau Ypsilanti. Der ich wünsche, Einflüsterern zu widerstehen. Ihre Belastbarkeit zu überprüfen und mit eigenem Verstand das zu tun, was am ehesten mit Verwirklichung des Wählerwillens in Einklang zu bringen ist. Kurz: ihren Job zu machen.
Und wenn es auch in einer auschließlichen SPD-Minderheitsregierung wäre, die dann ja ausbaufähig wäre.
Metropolenfan: 21.02.2008 14:29:13
harryine_luft: 21.02.2008 14:27:58
Sie haben Recht,
die Seiten für Forschung und Lehre, Natur und Wissenschaft und das Feuilleton der FAZ sind sehr gut. Darum lese ich die FAZ auch, wenngleich nicht täglich.
Auch die Seiten mit Börsenkursen sind audführlich und umfassend informativ.
Sie haben auch Recht, wenn Sie die FAZ als liberale Zeitung bezeichnen. Diese liegt auf konservativ-liberaler Linie.
Die SZ ist nur wenig links, eher links bis neutral, der Wirtschaftsteil eher konservativ-liberal.
Die Kampagne der FAZ FÜR Koch war nicht so eindeutig-offensichtlich, aber doch zu bemerken.
Aber der Gegenstand der Diskussion ist nicht die deutsche Medienlandschaft. Wir haben wahrscheinlich durch unterschiedliche politische Präferenzen auch diesbezügliche unterschiedliche Wahrnehmungen. Sei's drum.
Weiterhin faire Gegnerschaft!
Grüße
Da haben Sie recht. Es geht unabhängig von den Parteien um die Mehrheit im Landtag. Wer die bekommt, ist Ministerpräsident. Und Frau Ypsilanti hat die Aussicht auf eine Mehrheit aus SPD, Grünen und Linken. Diese Mehrheit erreicht sie zwar nur durch eklatanten Wortbruch, da sie vor der Wahl eine solche Mehrheit ausgeschlossen hat. Aber mit diesem Imageschaden wird sie eben leben müssen, wenn ihr etwas an dem Posten liegt. Im Regierungshandeln wird sich dann zeigen, ob Ypsilanti ohne ihren selbstgerechten Glaubwürdigkeitsheiligenschein überhaupt etwas zu bieten hat. Ich bin davon nicht überzeugt.
Lieber "mods",
bitte lassen Sie die anderen user hier in Ruhe diskutieren. Wenn Sie den Moderatoren etwas zusagen haben, können Sie dies gerne auf unserer Profilpage tun.
Vielen Dank für Ihr Verständnis.
Mit freundlichen Grüßen,
Ihr Moderator
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