Von Robert Roßmann

Eigentlich boten die Ergebnisse bei den letzten Wahlen für die Grünen Grund zur Freude. Trotz guter Resultate stehen ihnen nach der Absage von Klaus Wowereit nun aber schwere Zeiten bevor.

Dass man sein Schicksal trotz besten Bemühens nicht immer in der Hand hat, diese schmerzhafte Erkenntnis vieler Verliebter erschüttert jetzt auch die Grünen. Wie wunderbar hätte das Jahr 2006 für die Partei doch werden können.

Zu früh gefreut: Grünen-Spitzenkandidatin Franziska Eichstädt-Bohlig am Wahlabend in Berlin. (© Foto: dpa)

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Bei den Auftaktwahlen im Frühjahr verbesserte die Partei ihr Ergebnis in Baden-Württemberg um sagenhafte 52 Prozent auf fast zwölf Prozent der Stimmen. Fraktionschef Winfried Kretschmann und die Seinen überflügelten nicht nur die FDP in deren Stammland, sie erkämpften auch eine schwarz-grüne Mehrheit.

Und zum Abschluss des Wahljahres holten die Berliner Grünen vor zwei Wochen 13,1 Prozent der Stimmen, eine Steigerung um satte 44 Prozent. Seitdem gibt es in der Hauptstadt wieder eine rot-grüne Mehrheit.

Ein Bündnis mit der CDU im wichtigen Süden, eine Koalition mit der SPD in der Hauptstadt, damit wären die Grünen schon ein Jahr nach dem Machtverlust im Bund kraftvoll auf die politische Bühne zurückgekehrt - mit gleich zwei Optionen für die Bundestagswahl 2009.

Doch das Ende ist bekannt: Günther Oettinger und Klaus Wowereit luden die grünen Wahlsieger zwar zu Sondierungsgesprächen. Doch am Ende entschieden sich die beiden für andere Partner - mit schlimmen Folgen für die Grünen. Ohne eigenes Verschulden wurde aus der guten Partie eine verschmähte Partei.

Entsprechend gekränkt reagierten am Wochenende die Berliner Grünen. Die SPD habe ihre Partei "ausbooten" wollen, die Sondierungsgespräche "nur zum Schein geführt", schimpfte die Spitzenkandidatin Franziska Eichstädt-Bohlig. Sie fühle sich von Wowereit "verschaukelt".

Mit seiner Absage hat der Regierende Bürgermeister aber nicht nur die Berliner Grünen verletzt, er beschert auch den Bundes-Grünen zwei extrem schwierige Jahre. Auf einmal erinnern sich alle wieder daran, dass 2006 auch in Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern gewählt wurde - und die Grünen überall an der Fünf-Prozent-Hürde scheiterten.

Die Scharte kann die Partei erst 2008 wieder auswetzen, vorher finden (abgesehen vom anachronistischen Mini-Land Bremen) keine Landtagswahlen mehr statt. Für eine Partei, der Opposition längst nicht mehr genug ist, ist das eine gefährlich lange Zeit. Nichts stiftet mehr Unfrieden als fehlende Erfolge. Eine Partei, die weder ihren Kurs noch ihre Führung geklärt hat, kann sich Unfrieden aber nicht leisten.

Es fehlt an Schärfe

Die Grünen stehen zwar besser da als SPD und Union nach deren Machtverlust in den Jahren 1982 und 1998. Doch seit dem Abtritt Joschka Fischers hat die Partei nur noch eine Führung, die an Heisenbergs Unschärfe-Relation erinnert: Um so genauer man hinschaut, umso weniger sieht man sie.

Wer im Quintett Künast-Kuhn-Roth-Bütikofer-Trittin gerade Oberwasser hat, das wissen die fünf manchmal selbst nicht so genau. Das gilt erst recht für den Kurs der Partei: Rot-Grün, Rot-Gelb-Grün, Schwarz-Grün, Schwarz-Gelb-Grün, Rot-Rot-Grün - nichts, über das nicht diskutiert werden würde. Für was die Grünen 2006 wirklich stehen, das weiß kaum noch einer.

Am schönsten hat das Dilemma unlängst eine Gruppe jüngerer Grünen-Politiker beschrieben: Die Oppositionsstrategie erinnere an ein Auto, das am dicken Laster (große Koalition) nicht vorbeikomme, weil die linke Spur (PDS) und die rechte Spur (FDP) blockiert seien. Das grüne Auto blinke nun dauernd mal links, mal rechts - und fahre nutzlos hin und her.

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(SZ vom 2.10.2006)