Von Nico Fried

So ein Koalitionsausschuss ist auch nicht mehr das, was er mal war: Gerade einmal vier Stunden saßen die Spitzen von Union und SPD am Sonntagabend im Kanzleramt zusammen. Anstatt sich ordentlich Saures zu geben, diskutierten die Koalitionäre in erstaunlich harmonischer Atmosphäre.

Ach ja, so ein Koalitionsausschuss ist auch nicht mehr das, was er mal war. Schon um kurz vor Mitternacht werden am Sonntagabend die Gittertore vor dem Kanzleramt herabgelassen, damit Kurt Beck als Erster zu den Journalisten schlendern kann.

Koalitionsausschuss Beck dpa

SPD-Parteivorsitzender Kurt Beck auf dem Weg ins Kanzleramt. (© Foto: dpa)

Anzeige

Keine vier Stunden haben die Spitzen von Union und SPD beisammen gesessen. Wo sind sie geblieben, die langen, öden Nächte draußen und die hitzigen, endlosen Debatten drinnen? Als noch um die Gesundheitsreform gerungen wurde, stand am Schluss der Verhandlungen jedes Mal bereits die Sonne am Himmel.

Vor allem aber: Durfte man nach den unfreundlichen Interviews und den aggressiven Statements der vergangenen Tage nicht damit rechnen, dass sich die Koalitionäre erstmal ordentlich Saures geben?

Es kommt ganz anders. Das Wichtigste, was man an diesem Abend kennenlernen wird (und um ehrlich zu sein: auch nicht das erste Mal), ist die chamäleonhafte Gabe dieser Koalition, von Attacke auf Anschmeiße umzustellen, von Reiz- auf Wohlfühlklima.

Wird der parteipolitische Krach bewusst inszeniert?

Es kommt einem irgendwann der unvermeidliche Gedanke, dass die Führungsleute von Union und SPD das eine, den parteipolitischen Krach, ganz bewusst inszenieren, um das andere, die ach so tief gefühlte staatspolitische Verantwortung, hinterher umso wirkmächtiger zu zelebrieren.

Kurt Beck also ist jetzt da, der SPD-Chef, dem wegen seines Parteitags vom Koalitionspartner ein nicht unerhebliches Maß an Verantwortung für die Reibereien angelastet worden war. Dieser Kurt Beck beurteilt das jüngste Treiben des Fußvolks väterlich gelassen. Ein paar Leute seien vielleicht zuletzt ein wenig aufgeregt gewesen, sagt er, um dann aber, ganz souveräner Parteichef, hinzuzufügen: "Ich gehöre nicht dazu."

Und wenn es dann wieder um die Sache gehe, spielten "solche Nickeligkeiten nur noch eine kleine" - kurzes Nachdenken - "oder gar keine Rolle mehr". Auf die überaus hinterlistige Frage, ob er sich denn gefreut habe, die Bundeskanzlerin, die sich zuletzt wiederholt in Asien aufgehalten hatte, mal wieder in Deutschland zu sehen, antwortet Kurt Beck mit dem überaus harmonisch klingenden Satz: "Es ist immer so, dass man sich freut, wenn man Partner in der Regierung wieder trifft."

Ein Hauch von Advent

Nickligkeiten also. Und lauter nette Leute in dieser Koalition. Soso. Von Endzeitstimmung in der SPD hatte Innenminister Wolfgang Schäuble gesprochen,

Franz Müntefering hatte die Union mit einem Hühnerhaufen verglichen, und die beiden Generalsekretär Ronald Pofalla (CDU) und Hubertus Heil (SPD) hatten zuletzt immer abwechselnd so viele Boshaftigkeiten über die jeweils andere Partei ausgeschüttet, dass es den Fernsehsendern tagelang ein Leichtes war, die beiden mit Einlassungen gegeneinander zu schneiden wie zwei Boxer vor einem Weltmeisterschaftskampf.

Alles weg. Beck zum Beispiel ist auch nicht im Anzug erschienen, sondern hat sich fürs Kanzleramt eine bequeme ockerfarbene Jacke übers karierte Hemd gezogen, die modisch, nun ja, ein wenig gewöhnungsbedürftig erscheint, aber dafür an Helmut Kohls gemütliche Strickjacke erinnert, in der er einst Michail Gorbatschow die deutsche Einheit abverhandelte.

Der SPD-Chef verströmt damit eine solche Behaglichkeit, dass man nicht überrascht wäre, gleich zu hören, wie die Kanzlerin während der Runde auch noch ein Kaminfeuer angezündet hat.

Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite

  1. Sie lesen jetzt Sein und Seinlassen
  2. Seite 2
Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: Die Pflicht zur Kür

Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...