Knappe Umfragewerte im US-Wahlkampf Einer gewinnt mehr Wählerstimmen, der andere die Wahl

Kurz vor dem letzten der drei TV-Duelle begegnet Obama alten Patzern mit Humor. Doch das Lachen könnte ihm bereits heute Nacht vergehen: In landesweiten Umfragen liegt der Republikaner Romney inzwischen gleichauf. Doch noch führt der Präsident in den wahlentscheidenden Swing States. Noch.

Von Christian Wernicke, Washington

Wenn Humor die Gabe ist, trotz alledem zu lachen, dann ist Barack Obama seit Donnerstagnacht über jeden Zweifel an seinem Witz erhaben. Es geschah beim Al-Smith-Dinner, einem teuren Abendessen für den guten Zweck katholischer Armenspeisung, bei dem alle vier Jahre die beiden Präsidentschaftskandidaten in Frack und Fliege ihr Talent beweisen müssen, sich selbst auf die Schippe zu nehmen. Es war, nach zwei TV-Debatten, das dritte Rededuell zwischen Obama und seinem Herausforderer, und der Amtsinhaber gewann klar nach Punkten.

Denn er scherzte sogar über die größte Panne seiner Kampagne - sein Debakel in der ersten Fernsehschlacht gegen Romney am Abend des 3. Oktober. Er habe, so lobte der Präsident sich selbst, "in der zweiten Debatte weit mehr Energie verspürt", um dann preiszugeben, woran das lag: "Ich fühlte mich wirklich gut erholt, nachdem ich dieses schöne lange Nickerchen in der ersten Debatte hatte." Das schallende Gelächter und der Beifall im Saal animierten Obama zum Nachschlag: Er sei zuversichtlich, dass Millionen Amerikaner sich mehr auf den zweiten, von ihm gewonnen Showdown mit Romney konzentriert hätten - "und ich bin einer von ihnen!"

Unmittelbar vor der an diesem Montagabend lauernden dritten und letzten TV-Debatte habe er sich deshalb vorgenommen, "zu jener Strategie zurückzukehren, die ich zur Vorbereitung auf die erste Debatte benutzt habe." Der Saal hielt den Atem, derweil Obama nach einer Kunstpause nachschob: "Das war ein Scherz", er habe David Axelrod, seinem engsten PR-Berater, "ein bisschen zum Schwitzen bringen" wollen.

Seit jenem 3. Oktober ist das Rennen ums Weiße Haus gekippt, und Obama weiß es. Ermutigt von Romneys Sieg ließen Sponsoren mehr Geld denn je in den konservativen Wahlkampf fließen: Für die letzten fünf Wochen stehen Romney und der republikanischen Partei satte 183,1 Millionen Dollar zur Verfügung, Obama und die demokratische Partei haben nur 149,1 Millionen in der Kasse. Hinzu kommt, dass die von Großspendern alimentierten "Super-Pacs" zwei bis dreimal mehr für Romney als für Obama übrig haben.

Noch alarmierender sind die Umfragen: Obamas Vorsprung, bis Monatsanfang bei soliden vier Prozentpunkten, ist ausradiert: Die unabhängige Website "Realclearpolitics" misst nun einen Patt, eine am Sonntag veröffentlichte Umfrage von NBC und Wall Street Journal sieht den Wettlauf bei exakt 47 Prozent für jede Seite. Als Trost bleibt den Demokraten, dass ihr Kandidat bisher seinen knappen Vorsprung in den wahlentscheidenden Swing States bewahren konnte: In jenen acht bis zehn Bundesstaaten, die mal demokratisch und mal republikanisch votieren, liegt Obama nach wie vor knapp vorn. Noch.