SZ: Obwohl es politisch relevant sein könnte? Vielleicht sitzen da draußen ganz viele, die nur darauf warten?

Anzeige

Klimmt: Politisch stecke ich den Kopf ja raus für die SPD. Und ich sage ja auch durchaus Kritisches zu seiner Person und seiner Haltung. Wenn ich sage: Er ist unzuverlässig, dann ist das doch schon eine heftige persönliche Kritik. Mich würde das treffen, wenn er das über mich sagen würde. Das würde mich sogar sehr treffen.

SZ: Wie kann denn Freundschaft funktionieren, wenn der eine unzuverlässig ist?

Klimmt: Weil ich es immer gewusst habe. Er ist von einer katholischen Unbekümmertheit, während ich von meiner protestantischen Erziehung gequält bin und deswegen viel mehr Verantwortungsgefühl mit mir rumschleppe. Aber diese Unterschiede haben unser Verhältnis eher bereichert. Man schätzt ja gerade in Partnern das andere als das, was man selber ist.

SZ: Aber wenn der katholisch Unbekümmerte dann alles hinwirft, was beiden das Wichtigste ist? Haben Sie als Freund es wenigstens vor den Medien gewusst?

Klimmt: Nein. Das hat ja noch nicht mal seine Frau gewusst. Und das ist natürlich auch wieder nur zu erklären damit, dass es ein totaler Blackout war. Wenn der, wie sich das gehört, nach Hause gefahren wäre, drüber geschlafen und mit mir geredet und dann immer noch gesagt hätte: Du, ich kann nicht mehr und ich mag nicht mehr, aus den und den Gründen, dann wäre es ja auch okay gewesen. Ich bin ja nicht einmal aus allen Wolken gefallen. Es war ja für mich sowieso ein Déjà-vu.

SZ: Es war für Sie ein Déjà-vu?

Klimmt: Er ist ja nicht das erste Mal abgehauen. Der eigentliche, wirklich große Fehler lag noch weiter vorher. Das war 1990, als er es plötzlich abgelehnt hat, Parteivorsitzender zu werden. Oskar Lafontaine wäre 1994 Bundeskanzler geworden, davon bin ich überzeugt. Und dann sagt er: Mach' ich nicht. Dann kam Engholm mit bekanntem Schicksal. Dann Scharping und die Niederlage bei der Bundestagswahl. Wissen Sie ja alles. Und ich weiß seitdem: Du kannst auf ihn nicht bauen.

SZ: Aber sagt man sich unter Freunden dann nicht: Du Arsch, mach so was nie wieder, jedenfalls nicht, ohne mit mir zu reden?

Klimmt: Doch, aber das hat ja nichts genutzt.

SZ: Sie haben es ihm gesagt?

Klimmt: Ja, natürlich. Aber das ist bei ihm nun einmal eine Charaktereigenschaft. Das ist, wie wenn du einen Alkoholiker als Freund hast und der verspricht: nie, nie wieder. Und dann kommt er eben doch wieder besoffen nach Hause.

SZ: Glauben Sie, dass Oskar Lafontaine das selber weiß? Ist ihm das alles bewusst?

Klimmt: Ja.

SZ: Ich verstehe immer noch nicht, wieso Ihre Freundschaft davon nicht berührt sein soll.

Klimmt: Berührt ist sie ja. Aber ich habe doch diese Persönlichkeit, in der das alles immer schon angelegt war, als solche angenommen und nicht ein Idealbild. Kennen Sie das nicht selber auch, gerade mit guten, alten Freunden? Manchmal kann es wirklich schlimm und sehr verletzend sein. Aber man sagt doch nicht, jetzt mag ich den einfach nicht mehr.

SZ: Na, ich weiß nicht. Ich weiß nicht, ob...

Klimmt: ... also, wenn er eines Nachts anrufen und sagen würde: Du, ich stehe hier im tiefen Wald und weiß nicht, wie ich wieder wegkommen kann, mein Auto ist verreckt. Kannst du mich abholen? - Was würde ich tun: Ich würde ihn jederzeit sofort wieder abholen.

SZ: Vielleicht ist es das. Vielleicht steht Oskar Lafontaine die ganze Zeit im Wald? Können Sie ihn nicht abholen?

Klimmt: Nein! Er will ja jetzt gerade nicht abgeholt werden.

Reinhard Klimmt, 66, wurde vor fast 45 Jahren als Geschichtsstudent von dem Physikstudenten Oskar Lafontaine im Bus zur Saarbrücker Uni angesprochen mit dem Vorschlag, gemeinsam den Juso-Stadtverband aufzumischen: "Ich werde Vorsitzender, und du mein Stellvertreter!" So ist es auch gekommen, weswegen sie Reinhard Klimmt den Ausputzer genannt haben: Vierzig Jahre lang hat er Lafontaine den Rücken an der Saar frei gehalten, als Fraktionsvorsitzender, von 1996 an dann als Parteichef und, als Lafontaine Bundesfinanzminister wurde, auch als Ministerpräsident. Nach Lafontaines Rücktritt von allen Bundesämtern wurde die SPD im Saarland abgewählt. Klimmt wurde Bundesverkehrsminister und trat von diesem Posten zurück, weil er in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des FC Saarbrücken wegen Beihilfe zur Untreue verurteilt wurde. Klimmt gilt als bedeutender Sammler afrikanischer Kunst.

Sie sind jetzt auf Seite 3 von 3

  1. "Du kannst nicht auf ihn bauen"
  2. "Du kannst nicht auf ihn bauen"
  3. Sie lesen jetzt "Du kannst nicht auf ihn bauen"
Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: Die Pflicht zur Kür

Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...

(SZ vom 18.10.2008/gba)