Klaus Bölling zu Hessen "Ypsilanti verdient Parteiordnungsverfahren"

Hessens SPD hat die Tuchfühlung zum Bürger verloren. Ypsilanti hätte wegen Parteidemontage ein Ordnungsverfahren verdient.

Eine Außenansicht von K. Bölling

Hohe Zeit, dass wieder einmal an den Dresdner Schuhmacher-Sohn erinnert wird. Herbert Wehner vollzog am 30. Juni 1960 die sogenannte "Kehrtwendung", nämlich das Bekenntnis seiner Partei zur Landesverteidigung, damit auch zur Nato. Nach etwa 80 Minuten folgten jene Sätze, die älteren Zeitgenossen immer noch gegenwärtig sind. Sie waren nicht nur an Franz Josef Strauß adressiert, nicht nur an das Plenum des Deutschen Bundestages. Diese Sätze, sein ureigenes politisches Credo, galten vor allem der eigenen Partei.

Die Sozialdemokraten in Hessen - richtiger wohl: jene, die irgendwie von Andrea Ypsilanti verhext zu sein scheinen - haben von dieser Wehner-Rede augenscheinlich nie gehört. Ihnen sei das Zitat des "Zuchtmeisters" gewidmet: "Innenpolitische Gegnerschaft belebt die Demokratie. Ein Feindverhältnis aber, wie es von manchen gesucht und angestrebt wird, tötet schließlich die Demokratie, so harmlos das auch anfangen mag. Das geteilte Deutschland kann nicht unheilbar miteinander verfeindete christliche Demokraten und Sozialdemokraten ertragen."

Diese Maxime muss für alle Parteien erst recht im geeinten Deutschland verpflichtend sein. Die Ypsilanti-SPD hat mit noch nicht absehbaren Folgen gegen die gleichsam katechetischen Worte von Wehner verstoßen. Sie hat den demagogischen Wahlkämpfer Roland Koch zum Gottseibeiuns befördert, ein Rang, den sich der, wie man immer schon wissen konnte, höchst fähige und zugleich sehr biegsame Neoliberale dann doch nicht verdient hat. Es kann nur eine ganz persönliche Aversion der Ypsilanti-Truppe gewesen sein, auch ein gewisses Unterlegenheitsgefühl. Das kulminierte dann in der Losung "Koch muss weg" - koste es, was es wolle.

Nach dieser Logik musste der früher von den Genossen als eine starke politische Begabung geachtete Jürgen Walter als Spießgeselle von Koch denunziert werden, nur weil er ein Zusammengehen mit der Union, sogar unter Koch, als die in Wahrheit einzige realistische Option empfohlen hatte. Die Ypsilanti-Gefolgschaft berauschte sich stattdessen an der Vorstellung, gemeinsam mit den Grünen und der Linken, Koch zur Unperson zu machen. Da war bei Ypsilanti und großen Teilen der Hessen-SPD schierer Hass zu beobachten. Von Ratio keine Spur. Den ihre Glaubwürdigkeit über Nacht zerstörenden Wortbruch hat Ypsilanti inzwischen als einen eher handwerklichen Fehler zu schönen versucht.

Lesen Sie auf Seite zwei, was SPD-Chef Franz Müntefering nun tun muss.

Ypsilanti, Koch und das Chaos

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