Klaus Barbie und der BND Der verlässliche Nazi

Gestapo-Offizier Klaus Barbie tat sich als Folter-Experte hervor - sein barbarisches Wüten brachte ihm den Zunamen "Schlächter von Lyon" ein. Als glühender Antikommunist war er nach dem Dritten Reich gefragt. Auch beim BND.

Von Willi Winkler

Auf seine alten Tage wurde Reinhard Gehlen ein bisschen wunderlich. Martin Bormann, so versicherte er in seinen Memoiren, die 1971 unter dem wehrmachtsgrauen Titel Der Dienst erschienen, sei 1945 keineswegs gestorben, sondern sehr lebendig geblieben und nach Moskau verzogen. Der "Sekretär des Führers" habe diesen nämlich verraten und sei schon lang vor dem Untergang des "Dritten Reichs" in ständigem Funkkontakt mit den Sowjets gestanden. Nur die logische Konsequenz aus dieser schlagenden Erkenntnis ersparte sich der Gründer des Bundesnachrichtendienstes (BND): dass der Führer, dem Gehlen als General in der Abteilung "Fremde Heere Ost" so treu gedient hatte, nur durch diesen Verrat gefallen sei.

Der Kampf gegen den Kommunismus erforderte gelegentlich den einen oder anderen Kompromiss. So kann der Spiegel jetzt enthüllen, dass Klaus Barbie 1966 gegen eine Monatspauschale von 500 DM für den BND gearbeitet hat. Mindestens 35 Berichte soll er als Agent 43118 geschrieben haben. Sein Führungsoffizier beschrieb ihn als "intelligent", nannte ihn "verschwiegen und zuverlässig". Ganz so verschwiegen kann er nicht gewesen sein, denn als der deutsche Botschafter Walter Motz im gleichen Jahr im Deutschen Club in La Paz zu Gast war, pöbelte Barbie herum und grüßte nach alter Weise mit "Heil Hitler!" Der erboste Botschafter, was sei der schon, er, Barbie, sei immerhin Gestapo-Offizier.

Er deportierte 44 Kinder nach Auschwitz

Klaus Barbie war möglicherweise auch intelligent, aber vor allem war er ein Söldner und damit ein Mann, der vielseitig einzusetzen war. Dem "Dritten Reich" und vor allem der Gestapo verdankte der Berufslose seinen Aufstieg. Bereits bei der deutschen Besetzung Hollands und Belgiens tat er sich als Folter-Experte hervor. Im nicht von den Deutschen besetzten Vichy-Frankreich quälte er angebliche Widerständler mit Elektroschocks. Barbie war verantwortlich für die Ermordung des Résistance-Chefs Jean Moulin und sorgte für die Deportation der 44 Kinder aus dem jüdischen Waisenhaus in Izieu nach Auschwitz. Sein barbarisches Wüten brachte ihm den Zunamen "Schlächter von Lyon" ein.

Die im Kampf gegen die Résistance gewonnenen Fertigkeiten gingen bei Kriegsende keineswegs verloren, sondern ließen sich jetzt gegen einen vertrauten Feind einsetzen, die Kommunisten. Ernst Cramer, der langjährige Vorsitzende der Axel-Springer-Stiftung, kam 1945 als Mitglied der District Information Services Control (DISC) in seine Geburtsstadt Augsburg zurück und erlebte, wie der amerikanische Geheimdienst CIC konsequent ehemalige Angehörige von SS, SD und Gestapo rekrutierte, um sie alte Kameraden und neue Kommunisten aufspüren zu lassen. Sie hätten sich "mit Gusto" an der Hatz nach ihren ehemaligen Freunden beteiligt, erinnerte sich Cramer noch kurz vor seinem Tod, "und für die Kommunisten-Jagd waren sie ja jahrelang ausgebildet worden".