Kirche und Politik Kampf um die Zukunft

Papst Benedikt XVI. in seinem Papamobil im Jahr 2008. 

(Foto: AFP)

Der Papst tritt ab, und vor allem aus Deutschland erhält die katholische Kirche viele Ratschläge. Ein wirklich politischer Faktor ist sie hierzulande aber nicht mehr. Wenn die Kirche sich als Machtapparat, Selbstzweck und Lehrmeinungserhaltungsmaschine versteht, wird ihre Bedeutung weiter abnehmen. Zukunft hat sie trotzdem. Doch dies setzt Erneuerung voraus.

Ein Kommentar von Kurt Kister

Der Papst geht, und keiner weiß, was nach ihm kommt. Dabei ist es erstaunlich, wie viele Ratschläge die katholische Kirche allein aus Deutschland erhält - und das besonders von Menschen, die oft selbst keine Katholiken und manchmal nicht einmal Christen sind. Hierzulande ist die Neigung, anderen zu sagen, was sie tun sollen, nun einmal besonders groß. Das ist wohl, wenn es so etwas gibt, typisch deutsch.

Man weiß das nicht erst seit Emanuel Geibel, der 1861 sein Gedicht "Deutschlands Beruf" schrieb, dessen letzte Zeilen Karriere gemacht haben: "Und es mag am deutschen Wesen / einmal noch die Welt genesen." Geibels Gedicht war ein Aufruf dazu, dass die deutschen Länder und Territorien zwar nicht ihre Identität, aber doch die Kleinstaaterei aufgeben sollten. Geibel propagierte die Reichseinigung unter einem Kaiser. Das würde nicht nur die Deutschen vor den Franzosen schützen, sondern auch noch vor einer anderen Macht: "Dann vergeblich seine Netze / wirft der Fischer aus in Rom."

Das waren noch Zeiten. Der Fischer in Rom, also der Papst, galt dem nationalen, protestantischen Lager in Berlin als gefährlicher politischer Feind. Die Preußen fürchteten die Strippenzieher im Vatikan, die über ihr zentralistisch gelenktes Netz kirchlicher Würdenträger Kultur und Politik in Deutschland beeinflussen wollten. Besonders stark war die katholische Kirche in den ohnehin antipreußischen südlichen und westlichen Gefilden, im Rheinland und in Österreich, aber auch in Bayern, diesem ultramontanen, also nach jenseits der Alpen hin auf Rom ausgerichteten Königreich.

Kampf um den Status quo

Seitdem ist viel passiert. Preußen ist verschwunden, nicht zuletzt weil die Welt fast am deutschen Wesen krepiert wäre. Zwar hat die protestantische Kirche trotz des Widerstands einer Minderheit den deutschen Nationalrausch zwischen 1914 und 1945 bereitwilliger mitgemacht, als dies die Katholiken getan haben. Aber selbst in Bayern beschränkt sich das Ultramontane heute weitgehend auf Skifahren in Südtirol oder Ferien in der Toskana.

Ein wirklich politischer Faktor ist die katholische Kirche hierzulande nicht mehr, auch wenn sie es im Weltmaßstab noch sein mag. In Europa hat der Katholizismus als politisch-gesellschaftliche Kraft gerade mal noch in den romanischen Ländern sowie in Polen und Irland einige Bedeutung; in anderen Landstrichen der EU gehören mancherorts Priester allmählich zum überlieferten Volksbrauchtum wie Trachten. Kirchen werden als Bauwerke besichtigt, aber nicht mehr als Stätten des Gottesdienstes besucht. Zwar forschen viele Menschen nach dem Sinn des Lebens; immer weniger aber finden ihn in der Kirche.

Gerade in Deutschland ficht der Katholizismus gesellschaftlich, aber auch in Glaubensdingen nur noch einen Kampf um den Status quo. Als Träger sozialer Einrichtungen ist die Kirche noch anerkannt, einerseits. Andererseits werden "katholische" Anforderungen an die Angestellten dieser Einrichtungen häufig als anachronistisch und manchmal als ausgesprochen reaktionär gesehen.