Kirche und Homosexualität Schwuler Priester verursacht "Erdbeben" im Vatikan

"Ich bitte alle Brüder und Schwestern um Vergebung": Krzysztof Charamsa (links) hat sich zu seinem Partner bekannt.

(Foto: AFP)

Das Coming-out eines hochrangigen Priesters testet den Vatikan. Braucht das katholische Familienbild eine Reform?

Von Oliver Meiler, Rom

Es gibt Bilder, die entfalten ihre Geschichtsträchtigkeit auch ohne erklärende Legende. Da reicht ein Detail, ein Kleidungsstück zum Beispiel. Am Tag seiner Befreiung wählte Krzysztof Charamsa den Clergyman, das schwarze Priestergewand mit Hose und Jacke, den Arbeitsanzug der Geistlichen, und lud die Presse in ein Restaurant im alten Herzen Roms, ins "59" bei der Piazza del Popolo. Bekannt ist das Lokal vor allem deshalb, weil Federico Fellini einst dort einkehrte, Regisseur des Films "Dolce Vita", dieser Hymne auf das weltliche Rom der Nachkriegszeit mit seinen Schönheiten, seiner fröhlichen Dekadenz, seinen Skandalen. Und ein bisschen skandalös war es schon, was der polnische Priester da verkünden und erklären wollte. Wenigstens aus der Sicht des Vatikans.

Krzysztof Charamsa, 43 Jahre alt, Mitglied der Glaubenskongregation und seit zwölf Jahren Funktionär der Römischen Kurie, Theologe und Dozent an zwei päpstlichen Hochschulen, rief seinen Lebenspartner zu sich hinter den Strauß von Mikrofonen, damit er ihm den Rücken stütze.

Das tat der Katalane, der eben erst aus Barcelona eingeflogen war, nicht nur metaphorisch. Er strich dem Priester immer wieder zärtlich über den Rücken, legte den Kopf auf dessen Schulter. So entstanden die Bilder vom Priester im Clergyman und seinem Partner in Zivil, lila Hemd lose über dem Hosenbund. Im Vatikan sorgten sie, je nach Lesart der Zeitungen, für ein "Erdbeben" (Il Messaggero), für ein "Feuer" (La Repubblica), für einen "Sturm" (Corriere della Sera). Wegen der geschichtsträchtigen Symbolik. Und wegen des Timings.

Krzysztof Charamsa wusste: Seine Karriere in der Kirche ist beendet

Nie zuvor in der Geschichte der katholischen Kirche hatte sich ein Geistlicher von diesem Rang und mit einer so bedeutenden Vita zu seiner gelebten Homosexualität bekannt, samt Partner, stolz und aufgeregt. Während seines Auftritts vor den Medien brach der Geistliche immer wieder in nervöses Lachen aus. Er wusste um die politische Bedeutung seines Coming-outs. Er wusste auch, dass dieser öffentliche Akt auf einen Schlag seine Karriere im Kirchenstaat beenden würde, mit allen Privilegien, die bisher dazugehören.

Er entschloss sich trotzdem dazu. "Irgendwann kommt der Moment", sagte er dem Corriere della Sera, "da bricht etwas zusammen in dir, dann kannst du nicht mehr." Er habe immer gewusst, dass er homosexuell sei, habe sich aber mit "Pedanterie und Übereifer" der Lehre der Kirche unterworfen. Der Prozess, den er "meine Befreiung" nennt, habe gedauert und sei genau reflektiert. Er ermuntere die vielen homosexuellen Priester, die ihre Sexualität unterdrückten, seinem Beispiel zu folgen.

Auch der Zeitpunkt seines Offenbarungseids ist natürlich kein Zufall, sondern gezielt gewählt. Er wolle der Bischofssynode, die just an diesem Wochenende begann und sich den kontrovers diskutierten Fragen zur Familie und zur Sexualität widmen soll, mit auf den Weg geben, dass auch die homosexuelle Liebe eine familiäre sei, eine, die Familie nötig habe. "Jede Person hat ein Recht auf Liebe", sagte er - auch in der Kirche. In der Kurie aber, dem Machtzentrum der katholischen Kirche, herrsche eine "paranoide Homophobie". Die Zeit sei gekommen, dass die Kirche die Augen gegenüber homosexuellen Gläubigen öffne und verstehe, dass die völlige Abstinenz vom Liebesleben unmenschlich sei.

Der Vatikan reagierte ungewohnt scharf auf das Coming-out

Als die Journalisten ihn darauf hinwiesen, dass er sich immerhin zwölf Jahre in diesem Umfeld bewegt habe, das er nun so hart kritisiere, ohne sich je zu beklagt zu haben, sagte er: "Ich bitte alle meine schwulen, lesbischen, bisexuellen, transsexuellen und intersexuellen Brüder und Schwestern um Vergebung für den epochalen Verzug, für eure Leiden, für eure Ausgrenzung." Um Vergebung bitte er auch persönlich und vor Gott - "für mein Schweigen hinter den Mauern der Kongregation". Charamsa kündigte an, er werde nun nach Spanien ziehen. Er habe ja nur zwei Koffer, das gehe ganz leicht.

Der Vatikan reagierte ungewohnt scharf und entband den Priester von seinen Lehrtätigkeiten und seiner Funktion in der Kurie. Ob er bald auch seines Priesteramtes enthoben wird, muss seine Diözese in Polen entscheiden. Pater Federico Lombardi, der Sprecher des Heiligen Stuhls, bezeichnete das Verhalten Charamsas als "gravierend" und "verantwortungslos", weil er damit die Synodenversammlung einem "ungebührlichen Mediendruck" aussetze.

Glaubt man der Zeitung La Repubblica, dann ist im Innern des Vatikans ob des Coming-outs eine "harte Auseinandersetzung" ausgebrochen. Offenbar verdächtigen sich die progressiven und die konservativen Kreise gegenseitig, vom Fall Charamsas gewusst oder sein Coming-out gar orchestriert zu haben - mit der Absicht, die Synode zu beeinflussen. Ein Komplott also. Wenn dem denn so wäre, würde sich die Frage stellen, wer eher davon profitiert, die Bewahrer oder die Reformer. Ziemlich absehbar ist hingegen, dass sich das Interesse der Öffentlichkeit jetzt auf das Thema der Homosexualität konzentrieren wird.

Als Krzysztof Charamsa vor Fellinis Lokal einen grauen Golf bestieg, bedrängt von Kameraleuten und Schaulustigen, und in ein neues Leben fuhr, da bereitete sich der Papst gerade vor, die Synode mit einem Gottesdienst einzuläuten - vor 90 000 Menschen, auf dem Petersplatz. Er vermied es, vom Priester aus Polen zu reden. Er sagte nur, die Kirche müsse ein offenes Haus sein für alle, die das Leben prüfe, deren Herzen verletzt seien. Niemand dürfe ihr als Last erscheinen, als Problem, als Risiko.