Kirche in Großbritannien Mit Ehefrau und Gebetbuch

Zu liberal, wenn nicht gar zu beliebig: Aus Frust über ihre eigene Kirche konvertieren anglikanische Bischöfe nun zur katholischen Kirche - mit Rückendeckung von Papst Benedikt XVI.

Von Wolfgang Koydl

Nur wenige hundert Meter Luftlinie trennen Westminster Abbey, die Krönungskirche anglikanischer Monarchen, von der Westminster Cathedral, dem Dom der englischen Katholiken. Doch der Weg, den die drei Männer in den goldbestickten Soutanen zurückgelegt haben, war wesentlich länger. Obwohl sie selbst vermutlich sagen würden, dass nicht sie es waren, die sich bewegten, sondern ihre Kirche, die sich von ihnen entfernte: Keith Newton, John Broadhurst und Andrew Burnham waren lange Jahre Bischöfe der anglikanischen Staatskirche von England und Wales. Doch am Samstag wurden die drei in einer feierlichen Messe, bei der achtzig Priester, sechs Bischöfe und ein Erzbischof anwesend waren, zu katholischen Geistlichen geweiht.

Die früheren anglikanischen Bischöfe John Broadhurst, Andrew Burnham und Keith Newton (v.l.n.r.) knien in Westminster Cathedral vor dem katholischen Erzbischof Vincent Nichols.

(Foto: AFP)

Es war ein beispielloser Schritt - sowohl was die Anzahl als auch den Rang der drei Geistlichen betraf. Mehrfachkonversionen von Bischöfen sind auch für die angeschlagene anglikanische Kirche eine Neuheit. Die drei Männer gehören zu einer wachsenden Gruppe von Anglikanern - sowohl Laien als auch Geistlichen - , denen ihre eigene Kirche zu liberal, wenn nicht gar zu beliebig geworden ist. Zumal die im Jahr 1992 beschlossene Ordination von Frauen hatte den sogenannten anglo-katholischen Flügel der Kirche aufgebracht. Jetzt treibt vor allem die Aussicht, dass bald auch Frauen zu anglikanischen Bischöfen geweiht werden könnten, die Konservativen in die Arme der katholischen Kirche.

In einem überraschenden und für viele schockierenden Schritt hatte Papst Benedikt XVI. im vergangenen Jahr eine Auffangstelle für unzufriedene Anglikaner geschaffen. Das "Persönliche Ordinariat unserer Guten Frau von Walsingham" entspricht einer Diözese, hat aber keine geographischen Grenzen. Es ist eine Art Kirche innerhalb der Kirche, in der eigene, dezidiert unkatholische Regeln gelten. So können die früheren Anglikaner nicht nur weiterhin eigene Gebetbücher und Teile ihres Ritus verwenden. Viel aufsehenerregender ist, dass ehemals anglikanische Pastoren verheiratet sein dürfen. Die versammelte Kirchengemeinde in der Westminster-Kathedrale wurde am Samstag denn auch Zeuge des ungewohnten Schauspiels, dass die drei neu geweihten Priester vor dem Hochaltar von ihren Frauen umarmt wurden.

Erstes Oberhaupt des neuen Ordinariates ist Keith Newton, der vor seiner Priesterweihe ein wegen seines tiefen Glaubens und seiner Bescheidenheit ungemein beliebter anglikanischer Bischof von Richborough war. In seiner neuen Funktion ist er Mitglied der katholischen Bischofskonferenz von England mit allen damit verbundenen Rechten. Noch nie hatte ein verheirateter Mann in der katholischen Kirche eine solche Position.

Newton teilte mit, dass derzeit fünfzig weitere anglikanische Geistliche auf die Priesterweihe vorbereitet würden. Ihre Ordination wird in den Wochen vor Ostern erwartet. Die Unterweisung in der katholischen Lehre erfolgt dabei beschleunigt. Ein Prozess, der normalerweise sieben Jahre dauert, wird in wenigen Wochen abgeschlossen.

Papst Benedikt XVI. betonte, dass er mit der Gründung des Ordinariats keinen Keil in die anglikanische Kirche treiben, sondern seinen Lebenstraum von der Einheit des Christentums voranbringen wollte. Bei den Anglikanern sieht man das anders. Sie verwenden Begriffe aus der Welt der Unternehmen. Was der Vatikan anstrebe, sagen sie, sei kein Zusammenschluss, sondern eine feindliche Übernahme.